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Gorkhi Terelj National Park / Mongolia
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Türkis und Jade / Turquoise and Jade

16.08.2015 „Gorkhi Terelj“ National Park / Mongolia / N48°00’41.2“ E107°39’40.1“

 

Oh, ich spüre jeden Muskel in meinen Armen. Bis in den Rücken zieht sich das schwere Gefühl. Und in den Fingern ist es sowieso. Stundenlang sitze ich über Sandpapier gebeugt und schleife einen roten Jade Stein, bis er mir seine samtweiche, matt glänzende, glatte Oberfläche blinkend zeigt. Wie beiläufig legt mir Bold am Morgen einen Stein vor die Füße mit dem kurzen Kommentar: „Das ist Jade“. Für mich klingen diese drei Worte wie eine ganze Geschichte, wie ein Märchen, wie ein Zauber. Einfach so liegt hier Jade Stein in der Gegend herum? Offensichtlich. Bold legt wenig später ein Stück „Türkis“ dazu „…von der weicheren Sorte“, wie er sagt. Die härteren Steine sind tiefer in der Erde verborgen. Bold ist Geologe und kennst sich aus in seinem Land der Steine und verborgenen Schätze. Als selbstständiger Geologe wird er inzwischen oft gerufen, wenn es darum geht, besondere Vorkommen ans Tageslicht zu fördern. Meist sind es Einheimische, die aus Überlieferungen von Bodenschätzen wissen, denen die Leute in früheren Zeiten jedoch nicht auf den Grund gingen. Heute will man Geld verdienen. Da kann die eine oder andere Tradition schon mal ins Hintertreffen geraten. Doch hier im Nationalpark darf alles liegen wie und wo es will.

Ich habe ein Schild gesehen. Es hat mich gefreut. Ein durchgestrichener Spaten war darauf abgebildet. Es stimmt also wirklich. Der Boden ist der Legende nach heilig. Er darf nicht verletzt werden. Weder durch Schuhspitzen, deren vordere Enden deswegen nach oben zeigen, noch durch spielende Kinder oder den Spaten eines Schatzsuchers. Zaza erzählt dass es für sie ganz selbstverständlich war, ausgeschimpft zu werden, wenn sie als kleines Mädchen in der Erde graben wollte. Der Boden darf nicht aufgebrochen werden. Und gut. So sind die Bodenschätze über lange Zeit geschützt gewesen, so schloss sich Ackerbau aus, der zu einer gemüsefreien Ernährung führte.

Die Mongolei überrascht mich an jedem Tag neu. Immer, immer wieder macht mich die ursprüngliche Selbstverständlichkeit sprachlos. Es ist, als stehen wir in einer riesengroßen Schatzkiste, die glücklicherweise eben noch nicht geplündert wurde, sondern sich in ihrer Fülle ergießt. Ich glaube, dass sich das Land selber schützt. Durch seine harten Winter einerseits, durch die Jahrhunderte lang gepflegten Traditionen andererseits. Ich darf vor „Tuul“ und „Terelj“ sitzen, den beiden Flüssen, die mit ihren Massen an Schmelzwasser unbekümmert durch ihre unberührten Betten hüpfen. Über 10.000 Jahre lang tun sie das in gleicher Weise. Und ich schleife an meinem Jade Stein, bin versunken in meinen gleichmäßigen Bewegungen und glücklich mit meinem einfachen Tun.

Zaza mag unser Kochprojekt und möchte ihr Rezept hinzufügen. Zaza ist jung. Zaza lebt in der Stadt. Zaza liebt es mit Gemüse zu kochen. „Zuvan“ heißt ihr Gericht, welches wir heute Abend in unser großes Rezeptbuch schreiben. Das getrocknete Schaffleisch und die Sahne kommen von den Nomaden, die nicht weit von unserem Lager in ihren Jurten leben. Weißkraut, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln ergeben eine bunte Gemüsepfanne, die durch das angebratene getrocknete Fleisch ihr Aroma empfängt. Gewürzt wird das Fleisch nicht. Das haben die Tiere mit dem Fressen der Wiesenkräuter schon längst selbst erledigt. Obenauf legt Zaza Nudeln aus frischem Teig. Dampfgegart nehmen sie den leichten Geschmack des Gemüses an. Geschüttelt und vorsichtig miteinander vermengt schmeckt Zazas „Zuvan“ vorzüglich. Mein Magen scheint milde zu lächeln, denn er nimmt wahr, dass er heute Gemüse verdauen darf.

Der Tag brachte uns einen kurzen, aber gewaltigen Regensturm am Nachmittag. Nichts Ungewöhnliches hier. Gleichmäßig mildes Wetter kann es ja überall geben. Hier nicht. Hier ist zu jeder Zeit mit allem zu rechnen. Ein weggerissenes Zelt mit gebrochenen Stangen ist da nur eine kleine Nebenszene. Umso mehr genießen wir den windstillen Abend, an dem ein frisches Roggenbrot in Stens Händen entsteht. Im Feuer bäckt es langsam vor sich hin und verteilt wie zum Spaß ab und an einen Windhauch seines leckeren Duftes in der Nachtluft.

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