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Nomandenleben in Kasachstan
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Nomandentage / Nomad’s days

13.06.2015 Almaty / Kasachstan / N43°14’37.5“ E076°56’13.5“

 

Die Familien ziehen weiter. Vater, Mutter, viele Kinder. Nomadenleben. Irgendwie ein Akt der ewigen Hoffnung. Dass hinter dem nächsten Hügel die Wiesen saftiger sind, der Wind schwächer weht. Ein Wasserlauf wäre auch ganz schön. Also zusammen packen um zu sehen, welche Überraschung sich auftut. Auch die Art des Essens muss zu dieser Form des ewigen Umherziehens passen. Anbau von langsam wachsendem Gemüse passt da einfach nicht. Das Essen ist immer mit von der Partie. Beweglich, mitwandernd sind die Herden der Nomaden an Schafen, Ziegen, Rindern und Pferden. Sie geben Milch, aus der Sahne, Käse, Butter und Sauermilch hergestellt wird. Und ab und an, ja da muss eines der Tiere geopfert werden. Milch, Mehl, Fleisch, das sind die Hauptbestandteile der Nomadenküche. Kumys, die gegorene Stutenmilch, auch Milchwein genannt, ist das Obst und Gemüse der Nomaden. Es enthält eine Menge an Mineralien und Vitaminen und darf bei keinem Essen fehlen. Seine Schale nicht bis auf den letzten Tropfen auszutrinken gilt als Sünde.

Ich stehe vor dem Birkenholz Trog und schlage mit einem großen Holzquirl Luft unter die Stutenmilch. Der Gärprozess im Schnellverfahren. Meinen Oberarmen tut das auch mal gut. Die Muskeln melden sich gleich freudig. Veredelt ist die Stutenmilch mit Rosinen und Zucker. Das nimmt ihr etwas die Strenge im Abgang…

Wir sind eingeladen bei den Nomaden. Sie wollen uns zeigen, wie ihre Art des Kochens vor sich geht. Wir sind gespannt und ein wenig aufgeregt. DENN, es soll sogar ein Schaf geschlachtet werden. Oh, da melden sich bei mir eine Menge Kindheitserinnerungen. Wenn ich früher mit meinem Vater einen Hahn schlachten ging und das Tier festhalten musste, bis es nicht mehr um sich schlug… Oder ihm zusah, während er einem Hasen das Fell über die Ohren zog. „Du musst wissen was Du isst“, war immer sein Satz. Das hilft mir heute, dem allem zuzusehen, was hier vor sich geht.

Wir stehen auf einer großen Wiese und mit uns ein mittelbraunes Schaf. Es ist ein „Sek“, ein Schaf, älter als ein Jahr. Es grast gemütlich vor sich hin. Und mir läuft ein Schauer über den Rücken. Denn ich weiß etwas, was das Schaf nicht weiß. Es steht seine letzten Minuten hier auf dieser sommerwarmen Wiese. Mir wird schlecht bei dem Gedanken. Auch wenn mir klar ist, dass das Schlachten hier, wie überall anders auch, zum Alltag gehört.

Die Männer beten. Das Schaf schaut zu. Ein Mann legt Hand an. Schnell geht es und vollkommen geräuschlos. Nur das Blubbern des Blutes kann ich hören, als es in eine kleine Erdgrube fliest. Die Nerven des Schafes zucken noch ein paar Mal. Dann ist auch diese Bewegung zu Ende. Ich bin hin und her gerissen in meinen Gefühlen. Kann mich nur trösten mit dem Gedanken, dass die Seele des Schafes weiter gezogen ist und lenke mich ab mit dem genauen Beobachten dessen was vor sich geht. Der Metzger weiß was er tut. Geschickt stellt er es an, den Körper des Schafs zwischen zwei Masten zu hängen, um sofort mit dem Häuten zu beginnen, solange der Körper warm ist und sich die Haut gut lösen lässt. Ich höre und sehe wieder meinen Vater vor mir, wie er im Keller steht und das Gleiche tut. Die Handgriffe sind identisch, die Geräusche vergleichbar. Nur die Größen unterscheiden sich voneinander. Ein Hase hat nun einmal andere Dimensionen als ein Hammel.

Nach dem Häuten das Auslösen der Innereien. Dann sind die Frauen an der Reihe. Magen säubern, Därme spülen, Leber trennen, und so fort. Der Kopf, das Herzstück, landet, auf einen Stock gespickt, im Feuer. Zum Absengen der Haare. Die Läufe kommen alle vier je auf eine Zacke der Mistgabel. Kein edler Anblick, aber praktisch. Ich versuche meine Emotionen aus dem Spiel zu lassen und wertfreie Beobachterin zu sein. Das Leben der Nomaden interessiert mich, also gehört auch das alles dazu.

Die nächsten Schritte sind leichter zu ertragen. Der Anblick ist nun wieder abstrakt wie meist, wenn wir Fleisch kaufen oder essen. Wir sehen dann nicht das Schaf vor unserem inneren Auge, wie es zufrieden auf der Wiese steht. Ich jedoch hab es vorhin noch laufen sehen…
Nun helfe ich den Dünndarm und Magen auszuwaschen. Anschließend wird die Haut des Magens mit kochendem Wasser übergossen und sauber abgeschabt. Denn genau da hinein stecken wir im Anschluss sämtliches Fleisch des Tiers. Es ist, als wird das Schaf in sich selbst gesteckt. Total verrückt. Inzwischen wurde eine Grube ausgehoben und Feuer gemacht. Kuhdung dient als Brennmaterial. Nachdem genügend Glut entstanden ist, wird ein Teil auf den Boden der Grube gegeben, darauf der gefüllte und verschlossene Magen gelegt. Nur ein Stöckchen schaut aus dem Magen heraus. Sozusagen als Schornstein. Damit der Dampf abziehen kann und die Magenhaut nicht platzt. Obenauf kommt wieder Glut und später Erde. Fünf Stunden lang gart das Fleisch nun in seinem eigenen Saft in der Tiefe. Das ist Nomadenküche in Reinform. Nicht mal einen Topf benötigt man dazu. Zeit zum Verschnaufen, Tee trinken und Nomadenpizza backen. Auch hier wird der mit Zwiebeln und Tomaten bestreute Hefeteig in einer Eisenform in die Glut gestellt und mit einem Metalldeckel verschlossen. Darauf werden Glutstücke gelegt. Quasi Ober- und Unterhitze im Freien. Kommt noch ein Wind auf hat man Umluft…
Die Pizza schmeckt vorzüglich. Das Fleisch aus der Magenblase auch. Doch mir geht der letzte Blick des Schafs mit der Nummer 89581707, geboren im April 2012, nicht aus dem Kopf.

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