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Barnaul in Sibirien ist das Tor für Mongolei-Reisende
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Alex und Alex / Alex and Alex

10.07.2015 Barnaul / Russland / N53°20’59.6“ E083°46’51.6“

 

„Barnaul“ hieß heute unser Ziel. Eine Vorstellung hatten wir nicht von dieser Stadt und wenn, dann war es eine sehr Verschwommene. Der Name klingt in meinen Ohren so gar nicht russisch. Wäre ich anderswo und würde mich jemand nach diesem Ortsnamen fragen, ich würde ihn glatt in Mecklenburg-Vorpommern verorten. Einen kleinen Ort, mit Sandboden und lichten Kiefernwäldern. Nun gut. Vielleicht ist das auch meine unterbewusste Heimat-Sehnsucht, die mir da im Kopf ein Schnippchen schlägt?

Okay, wir fahren nach Barnaul, um dort nach den ersten1.500 Kilometern mit dem neuen Getriebe einen Ölwechsel vornehmen zu lassen. Neben unserem Kochprojekt ist das Erkunden aller MAN Werkstätten auf unserer Route inzwischen zu einem sich selbst gefundenen Zweitprojekt geworden. Also greifen wir die Gelegenheit beim Schopfe und sehen nach, wie die MAN Werkstatt in Barnaul ihr Dasein bestreitet.

Einfahrt in Barnaul. Wir sind platt. Eine neu errichtete Stadt sagt uns: „Hallo“. Nichts von grauen abgewohnten Wohngebieten und Plätzen. Riesige Neubauviertel, bombastische Einkaufszentren, breite, neue Straßen. Bald möchten wir die Stadt in „Neu-Barnaul“ umbenennen. Nach einer 750.000 Einwohner Stadt sieht es hier aus. Doch nicht nach einer 1730 von Katharina der Großen gegründeten Stadt, die vom Gold,- Silber- und Kupfer-Bergbau gelebt hat. Heute baut man hier Natriumsulfat ab, was unter anderem ein Bestandteil des Waschmittels ist, lebt von der Landwirtschaft, dem Eisenbahnbau und ein wenig vom Gold- und Braunkohle-Bergbau. Die Region nennt sich selbst eine Glückliche. Da es zu Stalins Zeiten zwar auch hier Arbeitslager gab, doch keine Zwangs-Umsiedelungen in diese Gegend statt gefunden haben. Man meint in Barnaul, dass es wohl dazu nicht abgelegen und kalt genug war, um Menschen hierher zu verbannen. Welche Ironie des Schicksals. Uns empfängt die Stadt freundlich und auch die MAN Werkstatt finden wir schnell. Die Gebäude, noch aus alten Zeiten. Doch umso mehr sprechen sie ihre eigene Sprache, haben sie Charisma und sind sich nicht zu fein, zu zeigen dass Arbeit schmutzig macht. Der Leo rollt lässig über den Hof und staunt nicht schlecht, als er in einer großen, von außen verschlossenen Halle in der jedoch in allen Ecken an MANs geschraubt wird, über einem Arbeitsgraben zum Halten kommt und sich gleich darauf sieben Mann an ihm zu schaffen machen. Wir fühlen uns richtig gut versorgt als wir sehen, dass die Handgriffe gekonnt sind, die da am Leo vollführt werden. In den letzten Tagen tropfte Öl aus „Oli“ und wir waren wieder ziemlich in Sorge. Doch nun keimt Hoffnung in uns auf als wir hören, dass wahrscheinlich einfach zu viel Öl in das Getriebe gefüllt wurde. Statt maximal 3,5 Liter laufen hier schlappe 4 Liter heraus. „Das könnte echt der Grund für das Tropfen gewesen sein“, reden wir uns mutig zu. Noch ein Check an allen Ecken, Kanten, Bremsen, Plattfedern und so weiter. Heute sieht alles gut aus. So weit wir uns für die Mongolei vorbereiten können, haben wir es getan. Alles andere steht wie immer in den Sternen.

Um dem super Service noch einen Stern auf das „S“ zu setzen, kommt Alexander vorbei. Er ist Einkaufsleiter und hat eigentlich in der Werkstatt nicht wirklich etwas zu tun. Er kam wegen uns, um zu erklären, dass nun alles fertig sei und das Getane ein Geschenk des Hauses an uns Deutsche. Er meinte: „Wahrscheinlich werden wir euch hier nicht wieder sehen. Doch ihr erzählt anderen Reisenden von uns. Und das ist uns wichtig.“ Eine schöne Geste wie wir finden, eine feinstoffliche Philosophie. Auf dem Hof sprechen wir noch ein paar private Sätze mit Alexander. Finden ihn so sympathisch, dass wir ihn fragen, was er von einem gemeinsamen Koch-Abend hält? Er ist im „Arbeitsmodus“ und muss kurz umschalten. Doch als ihm das wenige Augenblicke später gelingt, hellt sich sein Gesicht auf, findet er die Idee toll und lädt uns zu sich ein. Ich halte noch kurz gegen, dass wir ihn nicht überfallen wollen und ob es wirklich okay sei für ihn. Worauf er erwidert: „Ihr seid das Überfallkommando und das ist gut so!“. Keine zwei Stunden später stehen wir in der lichtdurchfluteten Küche einer Hochhaus-Wohnung und prosten mit dem ersten Bier des Abends Alexander und Alexej zu. Die beiden sind Zwillinge und haben zehn Jahre lang in Deutschland gelebt. Was nach dem ersten Zuprosten geschieht, ist neben dem Zubereiten von phantastisch marinierten Hühnchen und einem Zuchini-Knoblauch-Thymian-Trochentomaten-Balsamico-Parmesan-Nudel-Salat, ein Ping-Pong der Gedanken, Erlebnisse, Empfindungen, Wünsche, Erfahrungen rund um die Welt und wieder an unseren so kontrastreich beleuchteten Tisch zurück. Wir sind verblüfft, über die Detailtiefe, in der sich Alexander und Alexej hinsichtlich Deutschland auskennen, mit welcher Präzision beide ihre Ideenstränge in Worte zu packen vermögen, dass es uns allen ein Spaß ist, der klassischen deutschen Sprache und ihrer Schönheit zu frönen. Wir reden miteinander als würden wir das schon seit Jahren in genau dieser Form miteinander tun. Die beiden Brüder sind nun wieder in ihrer Heimat zurück. Ihre Herzen fliegen um die Welt. Das spüre ich, das liegt in der Luft. Und so ist unser Abschied ein „Auf Wiedersehen“. Denn irgendwo treffen sich unsere fliegenden Herzen wieder. Nun, Alex und Alex, bis dahin, lasst es euch gut ergehen, ihr zwei wunderbaren Menschen, ihr zwei einmaligen Brüder!

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