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Zeremonienmeister / Ceremony master

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Zeremonienmeister / Ceremony master

28.09.2015 Mengxing / China / N21°39’18.4“ E101°20’50.1“

 

Suchen, Fragen, Suchen, Finden, Preis absprechen, Bauchgefühl befragen, Abmontieren, Aufschaben, Auftragen, Backen, Pressen, Warten, Kontrollieren, Anmontieren, Bezahlen, Lachen, Fotos machen, Bedanken, Umarmen, Abfahren. Reifenwerkstatt in Pu’er. Morgens um neun Uhr begann unsere Suche. Abends um elf Uhr fahren wir winkend ab. Glücklich, nun einen reparierten Reifen an Bord zu haben. Ein blödes Gefühl, komplett ohne doppelten Boden und Alternative über die steinig, spitzen, von was auch immer übersäten Wege zu holpern. Die Familie ist toll. Der Mann weiß was er da macht. Danke, Zeremonienmeister des schwarzen Gummis! Teestube betreten, Sorten auswählen, von der gepressten Teescheibe ein Stück abbrechen, in ein kleines Schälchen geben, Wasser erhitzen, 80-95 Grad, je nach Sorte, kleine gläserne Teeschalen bereitstellen, das erste Wasser über den Tee gießen, ganz schnell, das Wasser über die Schalen geben, somit erwärmt und sauber, der erste Aufguss war das Reinigen, der Zweite zieht auch nur ganz kurz, dann sind wir kostend an der Reihe, der dritte bis zehnte Aufguss, bis zu zwanzig Mal ist das möglich, dann nächste Sorte und so weiter. Die Bewegungen geübt. Berührt mit den Fingern wird nichts. Alles ist mit heißem Wasser getränkt und ausschließlich mit der Pinzette gegriffen. Gelbe Sorte, Schwarzer Tee und Roter. Der Erste war der Beste. Preis erfragen, Andi verhandelt gut, kunstvolles Verpacken, Bedanken, und Winken. Der Teestube den Rücken kehren. Um eine Erfahrung reicher. Wie es geht mit dem Tee in den hart gepressten Scheiben. Eine uralte Methode zum Aufbewahren und Transportieren. Du hast es mir nahe gebracht. Ich konnte sehen, dass Du ihn magst, Deinen Tee.

 

Danke, Meister der Teezeremonie! Beinschmerzen seit Tagen, vorbei kommen wir an Massagestudios, einladend sieht anders aus. Der eine Laden ganz okay. Eintreten, Fragen, und schon befindet sich Sten auf der Liege. Dreißig Minuten von beiden Seiten. Die Masseurin ist ratlos. Wie bekommt sie einen schlafenden Kunden vom Bauch auf den Rücken gedreht? Andi hilft beim Aufwecken. Weiter geht es mit den Muskeln und Sehnen, mit dem Durcharbeiten der vom Fahren verkrampften Beine. Erwachen, Aufstehen. Wie neu fühlt sich Sten. Wohlig und gut. Laos kann kommen. Danke, Du Künstlerin mit Deinen Händen. Du wusstest was Du tust. Es hat geholfen. Auch wenn Dein Kunde die Zeremonie verschlafen hat. Kleine Geschichten die den Tag zu etwas Großem machen.

 Noch zweihundert Kilometer durch den tropischen Regenwald fahren und schon erreichen wir pünktlich morgens um zwei Uhr unsere Gruppe. Einhundert Kilometer noch bis zur Grenze nach Laos. Sechstausend Kilometer voller „China“ im Rücken. Was für eine Zeremonie.  

 

Mengxing / China N21°39’18.4“E101°20’50.1“

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 Liebes China!

Du, meine Große. Vier Wochen bin ich nun mit Dir zusammen, doch noch immer erscheinst Du mir fremd. Etwas Unnahbares geht für mich von Dir aus. Etwas, das unsere Seelen nicht wirklich miteinander schwingen lässt. In jeden Schwung klingt sich ein Impuls der Disharmonie mit ein. Ich habe mich bemüht um Dich. Doch mein Bemühen strengt mich an. Ich fühle mich mitunter wohl in Deiner Gegenwart und doch ist es kein befreites Fallenlassen, was ich genieße. Die Anspannung weicht nicht aus meinem Nacken. Wir scheinen eine Vernunft gesteuerte Beziehung miteinander zu führen. Keine Liebesbeziehung, wie ich sie verstehe. Du bist groß, Du bist eigen, Du bist vielfältig. Du bist selbstbewusst und stolz. Du hast Deine Geheimnisse und Rätsel. Alles Dinge die ich an Dir mag. Und Du bist widersprüchlich. Gesundheitsbewusst weißt Du immer welche Pflanze den Nieren gut tut, welche Wurzel dem Magen. Seit Urzeiten kennst Du Dich aus in der Medizin, die Deinen Namen trägt. Doch dann wiederum schweinst Du mit irgendwelchen Chemikalien herum, machst Deine Leute krank und lässt es überall qualmen und stinken. So dass das Atmen in Deiner Gegenwart kein wirkliches Vergnügen ist. Dein Verhältnis zur Natur bleibt mir das größte Fragezeichen. Warum um alles in der Welt musst Du jeden Quadratmeter umackern, bebauen, abtragen oder umleiten? Warum gönnst Du Dir so wenige Oasen in Mitten all dem Grün was Du hast? Klar, Du hast für Viele zu sorgen. Doch meinst Du wirklich dass es eine so gute Idee ist, sich die Natur zum Untertan zu machen, wie Du es immer wieder propagierst? Ich weiß nicht. Da gehen unsere Werte wohl eindeutig auseinander. Doch gemeinsame Werte sind wichtig für eine gute Beziehung. Du bist die Königin, wenn es ums Kochen geht. Virtuos regst Du mit Deiner Speisen- und Gewürz-Vielfalt meine Geschmacknerven und Feinsinne an. Wir haben unsere Freude miteinander, wenn es ums Schmecken geht. Genüssliche Augenblicke. Manchmal. Essen ist viel im Leben. Doch nicht alles. Ich ringe mit mir, will es mir nicht einfach machen und urteilen. Du ziehst mich an. Du stößt mich ab. Mitunter beides zur gleichen Zeit. Gewollt fühle ich mich von Dir nicht. Eher geduldet. Nun, Deine Auswahl ist groß. Gefallen musst Du nicht. Doch ein wenig mehr Weichheit und Eleganz würde Dir gut zu Gesicht stehen, bei all Deiner Disziplin und Härte Dir selbst gegenüber. Ich wünschte Dir ein wenig mehr Gelassenheit und mir, dass ich Dich nehmen kann wie Du nun einmal bist. Du hast Deine Geschichte, ich habe die meine. Wir kennen uns nicht lange genug, als dass wir sagen könnten, wir wüssten umeinander. Von Deinen Sorgen sprichst Du wenig, von Deinen Gedanken auch. Du verbirgst vieles hinter Deinem gleichmütigen Gesichtsausdruck. Ja, dass ist Kultur bei Dir. Doch ich brauche es direkter, näher, verbindlicher und gern auch mal ratloser. Das macht es für mich menschlicher und offener. Du liebst den Lärm. Trötest herum mit Deiner schrillen Stimme. Ja, wir hatten auch ruhige Momente und besinnliche. Wenn wir gemeinsam Tee tranken, vom Grünen, Schwarzen oder Roten. Kurze Verschnaufpausen. Doch irgendwie haben die es nicht geschafft mich versöhnlich zu stimmen. Schade irgendwie. Dabei liebe ich es, wenn Du Dich Morgens und Abends zur Musik bewegst, auf den freien Plätzen in Mitten der Städte. Versonnen schaust Du dann, so dass mich Wehmut überkommt. Trotzdem. Ich nehme nun erst einmal Abschied. Mal sehen, wie unsere Zeit mit Abstand auf mich wirkt. Nachhallt. Ich winke Dir zu, mit dem roten Fächer Deines Tanzes. Mach’s gut. Meine Liebe. China.

Elke.  Am 28. September 2015 in Pu’er / China.  

Frau Luna / Miss Luna

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Frau Luna / Miss Luna

27.09.2015 Pu’er / China / N22°45’49.6“ E100°57’39.2“

Der Mond hat das Sagen. Auch wenn offiziell sein 1911 der nach dem Lauf der Sonne orientierte Kalender in China eingeführt wurde, spielt der Mondkalender doch die tragende Rolle im Leben vieler Chinesen. Bedeutende Ereignisse wie Haare schneiden oder gar Heiraten werden nach den Verheißungen des Mondkalenders ausgerichtet.
Und so feiert man in China das „Mondfest“ welches auch „Fest der Herbstmitte“ genannt wird, am 15. Tag des 8. Mond-Monats. Welcher wiederum laut Sonnenkalender in diesem Jahr auf den 27. September fällt. Das „Mondfest“ ist für die Familien da. Gemeinsam wird an diesem Abend gegessen. Bei Andis Familie gibt es „Dumplings“, gedämpfte Nudeltaschen, wie er erzählt. Doch er ist heute bei uns und als Einziger seiner Familie nicht zu Hause. Wir geben unser Bestes, ihm in diesen Stunden eine Art „Familie“ zu sein. Er mag es. Und so schauen wir gemeinsam auf den Mond, der frei von jeder Wolke am Himmel prangt. Seine Großmutter hat Andi in seiner Kindheit oft Geschichten erzählt, während sie zusammen zum Mond blickten. „Frau Luna“, in China „Chang E“ genannt wohnt neben einem Hasen und einer Kröte da oben, da sie versehentlich den Unsterblichkeitstrunk ihres Mannes geleert hat und daraufhin zum Mond geschwebt ist. Sozusagen als Strafe zur Verbannung. Nun tanzt sie da oben, wie wir deutlich sehen können. Die erste Mondsonde Chinas trägt ebenfalls als Glücksbringer den Namen „Chang E“. Als Symbol des Festtages backen und verschenken die Chinesen Mondkuchen. Es sind kleine runde Küchelchen, die in den unterschiedlichsten Verpackungen daher kommen. Schon den gesamten September lang werden wir von Mondkuchen begleitet, die es überall zu kaufen gibt. Es geht dabei wohl weniger um das Verspeisen der vielen Mondkuchen, sondern eher um den Akt des Verschenkens unter Freunden, der Familie oder in den Firmen. Auch zur vorsichtigen Verstärkung irgendwelcher Angebote oder Wünsche in und zwischen Unternehmen, sollen die Mondkuchen bestens geeignet sein. Als eine Art „Glückskeks“ wird er auch bezeichnet, der „Mondkuchen“. Denn glaube ich einer Legende, so buken im 14. Jahrhundert Rebellen im Kampf gegen die Mongolen Zettel in die Kuchen ein, auf denen zu lesen war: „Am 15. des Monats tötet die Tataren!“ Damit waren die Mongolen gemeint. Somit wurde auf geheime Art zum gemeinsamen Kampf aufgerufen. Andi schenkt heute jedem von uns einen Mondkuchen. Meiner ist mit einer süßen Erbsenmasse gefüllt.

Pu’er / China N22°45’49.6“E100°57’39.2“

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Die Geschmacksrichtung kann ich nicht ganz genau bestimmen. Doch ich mag seine Geste, uns die Küchlein zu schenken. Doch da der kleine süße Ball uns nicht satt macht, ziehen wir abends in die Stadt, die heute angeblich menschenleer sein soll, da alle zu Hause bei ihren Familien sind und feiern. Doch irgendwie erscheinen mir die Straßen heute Abend sogar noch voller als sonst. Ich habe das Gefühl, dass tausende von jungen Paaren und Familien unterwegs sind, um den Abend in Volksfeststimmung zu verbringen. Zum Himmel schauen nur wenige von ihnen. Zu beschäftigt sind alle mit Büchsen werfen, Luftballons abschießen und Leckereien verspeisen. Also gönne ich mir ab und zu einen Blick nach oben. Dort, wo der Mond als runder Ball klar am Himmel steht. Ich sehe Frau Luna. Ihren Tanz nehme ich gerade nicht wahr, doch ihr Lachen, vielleicht über ihren gelungenen Schachzug, nun in Ruhe auf dem Mond wohnen zu dürfen, kann ich deutlich erkennen.

Was ist Zufall? / What is by accident?

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Was ist Zufall? / What is by accident?

26.09.2015 Yuxi / China / N24°30’52.3“ E102°33’12.5“

Es knallt. Dann Musik. Erneut ein Knall. Grund genug, unsere Köpfe aus dem Leo zu strecken. Samstag. Früher Morgen. Es sind Frauen und ihr Meister. Sie halten rote Fächer in ihren Händen, schweben tanzend synchron über den Platz. Jede kennt die Schritte, jede weiß wann der Knall zu hören sein muss. Dann nämlich, wenn sie alle gleichzeitig ihre straff gespannten Fächer öffnen. Die Gesichter der Frauen sprechen von Konzentration, auch von innerer Einkehr. Manche scheinen uns kaum zu bemerken. Gleich neben der Fächer-Gruppe die mit den Blumen. Weicher sind ihre Bewegungen, fließender. Doch genau so im Gleichklang zu ihrer Musik. Schon das erfordert Aufmerksamkeit. Das Hören der eigenen Töne, und das mentale Wegblenden der Nachbarmusik. Doch darin scheinen die Chinesen ja Meister zu sein. Im Ausblenden.Heute ist Markttag wie an jedem Tag. Das frische Gemüse möchte seine Käufer finden. Ein schönes Ritual, an jedem Morgen einzukaufen, was heute knackfrisch im Wog landen soll. Leuchtend Grün und Dunkelrot, Zitronengelb und Blutorange. Der richtige Moment, mir einen Mango Juice bereiten zu lassen. Sten entscheidet sich für Kokosmilch. Irgendwie fühlen wir uns beide im Kopf noch nicht so ganz klar. Ist es die Höhe, ist es die Wärme, ist es das Einströmen der immerwährenden Eindrücke? Das Treiben rauscht an uns vorbei. Doch bestimmt helfen die leckeren Getränke. Müssen sie ja. Schließlich haben wir heute noch dreihundert Leo-Kilometer vor uns. Klingt jetzt nicht so viel, ist es aber, hier in dem Bergland. Also „Tschüss Dali“ und „Hallo Straße“. Unterwegs begegnen uns Autos, deren Namen und Logos wir nicht kennen, deren Formen mir Bekanntem ähneln, doch ausschließlich in China für den eigenen Markt produziert werden. Annähernd einhundert solcher Eigenmarken soll es in China geben, wie uns Andi erzählt. Eine große Zahl. Doch wenn ich bedenke, dass hier einfach mal ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt, dann finde ich sie nicht mehr so üppig und verwunderlich. Bei über 1,3 Milliarden Menschen. „Braucht man denn da überhaupt noch einen weiteren Markt draußen, außerhalb der eigenen Grenzen?“, frage ich mich. Genug gedacht für heute. Wir halten an, weil es uns irgendwie passend erscheint und wir das Gefühl haben uns etwas ausruhen zu wollen. Beim Aussteigen höre ich kein Knallen wie am Morgen, doch ein lautes Zischen. Es kommt nicht, wie so oft, von irgendeiner Fabrik, die es hier zu Hauf gibt, sondern direkt vom Leo. „Los schnell, raus“ rufe ich, nicht wissend, was da zischt. Es ist ein Hinterreifen, der einen Dreiangel im Gummi hat, aus dem die Luft ausströmt.

Yuxi / China N24°30’52.3“E102°33’12.5“

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Blöde Sache. Doch ich bin froh, dass der Reifen uns nicht um die Ohren geflogen ist, während wir gefahren sind. Sondern sich jetzt beim Stehen bemerkbar macht. Danke Schicksal!  Hatten wir gerade eben von Ausruhen gesprochen? Wird wohl eher aktive Erholung heute Abend. Sten montiert das Motorrad ab, das Holz auch, bis wir an unseren Ersatzreifen kommen. Erprobung im Ernstfall. Bisher haben wir immer nur theoretisch durchgespielt, wie wir den zweihundert Kilogramm schweren Reifen nach unten befördern können. Probiert hat das noch niemand. Minutenlang haben wir keine Idee, wie es gelingen kann, den Reifen hinter der Motorrad-Halterung hervor zu fädeln. Doch weil es einfach gehen muss, gelingt es uns irgendwann. Bleibt uns nun nur noch die kleine Übung, den kaputten Reifen von der Felge zu bekommen. Stehen wir doch ungünstiger Weise direkt an einem Bordstein. Doch vorhin musste alles so schnell gehen, um die Wagenheber unterzusetzen, bevor der Leo vollkommen abgesackt wäre. Da blieb keine Zeit zum Weiterfahren. Wie aus heiterem Himmel, stehen mit einem Mal zwei Trucker Fahrer hinter uns und bieten ihre Hilfe an. Und das nachts um zwölf Uhr. Was ist das? Kann das noch Zufall sein? Ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich Sten beim Abziehen des Reifens hätte helfen können. Doch nun zu Dritt schaffen sie es. Immer wieder darf ich diese Erfahrung machen, dass in einer schwierigen Situation unerwartet und plötzlich Unterstützung auftaucht. Was für ein großer arrangierter Plan?! Was für eine Fügung des Schicksals. Oder ist es doch alles Zufall?     
      

Eine Runde weiter / A round further

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Eine Runde weiter / A round further

25.09.2015 Dali / China / N25°41’52.7“ E100°09’17.4“

Die Schlinge fest in der Hand. Den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt. Die Laufrichtung im Uhrzeigersinn. Los geht es. Ich drehe mit an der einundzwanzig Meter hohen Gebetsmühle auf dem Berg in dreitausendfünfhundert Metern Höhe in Shangri-la. Um sie überhaupt erst einmal in Bewegung zu bekommen sollen angeblich sechs Menschen ausreichend sein. Schwerstarbeit, wie ich meine. Denn jetzt hat die Mühle Schwung und wir drehen bestimmt zu Fünfzehnt und noch immer ist es kein Kinderspiel. Das Gurtband gräbt sich in meinen Handrücken ein. Ich lege mich weit nach vorn. „Es ist wie im richtigen Leben.“ zwitschert es mir durch die Gedanken. Mal gibt es Stellen beim Drehen, da läuft die Mühle leichtgängig und flüssig, dann wieder kommen Momente, in denen sie behäbig und schwergängig in Gang zu halten ist. Und ich, ich laufe und laufe. Runde für Runde. Keine einhundertacht Stück, doch eine ganze Menge sind es auch bei mir. Das gemeinsame Drehen mit den Leuten zusammen hat etwas Verbindendes. Viele halten ihre Gebetsketten in der Hand. Gedankenversunken, betend laufen sie vor mir, hinter mir, mit mir. Ich mag die Vorstellung, dass sich die Mühle den ganzen Tag unaufhörlich dreht, dass sich immerzu Menschen finden, die durch ihr Laufen die Gebete der Mühle in die Weite tragen. Ich löse meine Hand aus der Schlinge und überlasse sie dem nächsten. In der Altstadt Shangri-las hat es vor einem Jahr gebrannt. Verheerend muss das gewesen sein. Besteht doch praktisch die gesamte Stadt aus Holz. Vom Boden bis zu den Dachstühlen. Selbst die Schindeln sind hölzern. Nächtliche Unvorsichtigkeit soll es gewesen sein, die das Feuer entfachte. Heute nun hämmert es an allen Ecken und Enden. Die neuen Häuser entstehen. Mit einer Kunstfertigkeit, die mich staunen lässt. Filigranste Verzierungen gepaart mit massiven Balken. Eine Balance im Bau, wohnlich und wunderschön. Viel scheint zerstört. Viel wird neu errichtet. Die Bauweise ist die alte. Gespart wird nicht. Einzig die Dächer sind nun erst aus Blech, bevor die Holzschindeln aufgelegt werden. Und Steine dazu. Offensichtlich eine praktische Lösung um die Schnee-Massen auf den Dächern zu halten und sie nicht ins Rutschen zu bringen. Die ganze Gegend trägt diese Dächer. Wir kehren der Stadt den Rücken, wir sagen „Auf Wiedersehen“ zum Tibetischen Hochland und machen uns auf den Weg Richtung Süden. In „Dali“ kommen wir zum Halten. Dreihundert Kilometer weiter haben wir es geschafft. Erst schlängeln wir uns die Berge rauf und runter.

Dali / China N25°41’52.7“E100°09’17.4“

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Dann werden die Täler weiter, die Temperaturen steigen, der Regen hört auf. Reis wird wieder geerntet, Geschäftigkeit auf den Feldern. Es fühlt sich an als wären wir nahe des Meeresspiegels. Doch noch immer zeigt unser GPS-Gerät zweitausendfünfhundert Meter an. Die Landschaft erinnert ein wenig an die Toskana in Italien. Fast lieblich kommt sie daher. Doch dieser Eindruck ist augenblicklich verwischt, als wir die Verbindungsstraße verlassen, und uns ins städtische Normal-Getümmel stürzen müssen. Menschen über Menschen, Autos, Fahrzeuge, Gehupe, Geschupse, Gedrängel. Einen Platz für Leo zu finden wird zur Herausforderung, die wir irgendwann meistern, und einfach froh sind zu stehen. Mit einem kalten „Dali-Bier“ in der Stadt „Dali“ begießen wir den Abend und kühlen unsere erhitzten Gemüter. Bis vor zehn Jahren soll die Stadt ein stiller Geheimtipp für Backpacker gewesen sein. Das ist vergangene Vergangenheit. Der Tourismus hat nun Hand angelegt. Mal sehen, wie sich „Dali“ für mich morgen bei Lichte ansieht. Wieder einen Tag lang gelebt, wieder eine Runde gedreht, an der Mühle und überhaupt.

Buddhistisches Paradies / Buddhist paradise

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Buddhistisches Paradies / Buddhist paradise

24.09.2015 Shangri-la / China / N27°50’56.2“ E099°42’11.3“

Glasklar die Luft. Scharf gezeichnet jedes noch so kleine Detail in der Ferne. Kein Staubkorn fliegt durch die Luft, kein Abgasnebel verfinstert meinen Blick. Es kommt mir vor, als sähe ich die Welt um mich herum durch ein brillantes Vergrößerungsglas. Ich atme tief und genieße die alles durchdringenden Frische. Kühl ist es hier oben in Deqin. Die Wärme hält nun Sommerschlaf. Fast die letzten Gäste sind wir. Bald ist auch hier Ruhe im Karton. In der Mongolei hat der Winter das Leben bereits fest im Griff. Davon schreiben unsere Freunde. Und auch hier, höher, doch südlicher, kann es sich nur noch um Tage handeln, bevor der erste Schnee in seinem großen Schlitten vorgefahren kommt. Okay, soll er. Ich schlüpfe in meinen kurzen Rock und ziehe derweil mit den Vögeln gen Süden. „Shangri-la“, was für ein großartiges Wort in meinen Ohren. Geheimnisvoll wie eine Königin. Beschrieben von James Hilton in seinem 1933 erschienen Buch „Der verlorene Horizont“. Von blutroten Tälern soll da die Rede sein und drei Flüssen die parallel zueinander verlaufen. Auch ein Pyramidenberg wird wohl erwähnt. Ohne Zweifel ist all das hier zu finden, wie „Forscher“ ermittelten. So dass ein Streit zwischen den Städten „Deqin“ und „Zhongdian“ entbrannte, wer den Anspruch auf den Namen am ehesten verdient hat. „Zhongdian“ ging schließlich als Sieger aus dem Disput hervor und trägt nun würdevoll den Stadt-Namen „Shangri-la“, der eine mögliche Abwandlung des Wortes „Shambhala“ sein könnte und ein „mystisches buddhistisches Paradies“ bezeichnet. Genau da stehen wir heute. Golden glänzt der Hügel, das Weiß der Fassaden kann mit ihm gleichziehen. Verziert von Rot und Gelb und Blau und Grün. Paradiesisch, ohne Frage. Mystisch, in jedem Fall! Wie ein Eindringling fühle ich mich, während ich durch die Klosteranlage laufe, die ihresgleichen vielleicht einzig in Lhasa finden kann. Wie „Schwestern“ erscheinen sie mir. Wie sie sich da beide so am Hang entlang ergießen. Ich stehe vor der Üppigkeit der Gottheiten und würde so gern mehr davon verstehen. Minimal ist mein Wissen zu all den Darstellungen des Glaubens und der Verehrung. Nichtwissend schalte ich mein Denken aus und lasse mich treiben. Von der wohlwollenden Atmosphäre getragen. Von den sanftmütigen Blicken der Gottheiten beschützt. Ich bin ein Zaungast inmitten der Farbenfreude und Vielfalt der Formen.

Shangri-la / China N27°50’56.2“E099°42’11.3“

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Schön ist, mich einfach auf den großen Platz vor die Haupthalle zu setzen und denen zuzuschauen die da betend ein und ausgehen. Meine Bilder entstehen im Kopf. Fotografieren ist verboten in den Tempeln. So speichere ich in mir ab, wie der kleine Junge, ein angehender Mönch, an seinen Apfelstücken kauend am Eingang sitzt. Wie mich junge Mönche mit ihren großen, dunkelgerahmten Brillen freudig mit „How are you?“ und „You are welcome.“ begrüßen. Wie das schwindende Licht Halt findet an den roten Holzsäulen und sich einspinnt in die farbigen Gebetstücher, die lang und in geschwungenen Falten von den Decken hängen. Die Tempelanlagen folgen in der Regel alle einer ähnlichen Struktur. Die Haupthalle ist die Schatzkammer der Klosteranlage. Gerahmt wird sie von der Halle der Himmlischen Könige, dem Innenhof mit seinem Trommelturm und einer weiteren Halle zu Ehren „Arhat“, desjenigen, der zu Lebzeiten das Nirwana erreichte und anderer Erleuchteter. Der Göttin der Barmherzigkeit, mit ihren tausend Armen, ist ein Platz in der Haupthalle eingeräumt. Neben den drei Buddha Statuen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisieren. Innere Ruhe finde ich auf dem Dach der Haupthalle, von der aus ich über das weite Tal schauen kann. Weit ab von den Besucherströmen, die von ihrer Mikrofon-verstärkten Guide-Stimme geleitet werden. Sie scheinen es zu mögen. Mich animiert das plärrende Getöse große Bögen zu schlagen. Und die Mönche, wie finden sie das tägliche zur Schau stellen? Fünfhundert sollen es sein, die hier leben. Morgens um fünf Uhr beginnen sie mit ihren Gebeten. Tagsüber scheinen sie sich mehr oder weniger zurück zu ziehen. Ich kann es mehr als verstehen und gönne es ihnen. Keine Ahnung wie es sich anfühlt in einem „Museum“ zu leben. Auch wenn es klangvoll als „Buddhistisches Paradies“ bezeichnet wird. Doch, wer sagt denn, das im Paradies alles schön ist?

Flüchtige Freude / Brief joy

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Flüchtige Freude / Brief joy

23.09.2015 Deqin / China / N28°26’31.1“ E098°52’45.5“

Nah, ganz nah sind wir Tibet. Alles riecht danach. Alles sieht danach aus. Alles fühlt sich an wie Tibet. Die Kontrollposten scheinen das zu wissen. Gleich zu Zwanzigst stehen sie in und um ihr kleines Häuschen herum. Bewaffnet, dass nichts mehr geht. Gerader, ernster Blick. Der Finger am Abzug. Die rundherum aufgestapelten Sandsäcke sind aus Beton. Grün angestrichen. Aua. Es tut weh, dagegen zu schlagen. Wir werden registriert, weil wir uns Tibet annähern, so weit das mit unserem China Visum irgend möglich ist. Offiziell beschwert sich China darüber, dass die meisten ausländischen Besucher mit den Ideen der Tibeter sympathisieren. Und erlauben es ihnen deswegen nicht, sich allein in Tibet zu bewegen. Doch sie tun auch nicht wirklich viel gegen diesen Eindruck der machtvollen Besetzung. Ich glaube das Gefühl zu kennen. Diese Abschottung nach Innen. Damals, in der DDR, waren die Feinde ja offensichtlich auch im eigenen Land. Wenn ich daran denke, in welche Richtung der Stacheldraht an der Grenze gebogen war... Dann geht es für uns in die Wolken. Wir fahren kilometerlang, stundenlang und schrauben uns weiter und weiter gen Himmel. Mit der Zunge kann ich von den Wolken kosten. Mit den Fingern kann ich sie anstupsen, wenn ich es denn schaffe eine meiner Hände aus der Verkrampfung zu lösen. So unglaublich dicht entlang geht unser Weg am ungesicherten Abgrund. Einem Geländewagenfahrer ist der erst heute wieder zum Verhängnis geworden. Die Nebelwand ist wie ein Vorhang im Theater. Manchmal halbtransparent, als dramaturgisches Moment. Als könne ich die geheimen Gedanken der direkt vor mir stehenden Akteure quasi im Nebel lesen und sehen. Dann wieder ist der Wolkenvorgang vollkommen dicht, so dass für mich nur das wahrnehmbar ist, was der Nebel bereit ist, meinen Augen frei zu geben. Es gibt immer eine Welt dahinter. Hinter jedem Satz und jedem Handeln. Sichtbar oder unsichtbar. Gedacht oder empfunden. Unbewusst zeigen wir mitunter Seiten von uns, die wir meinen verbergen zu wollen. Das Nebelszenario in den Wolken ist für mich eine grandios gelungene Inszenierung genau dieses Themas.

Deqin / China N28°26’31.1“E098°52’45.5“

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 Ein Spiel mit Ahnungen, Offenbarungen und Täuschung. Wir sehen, was wir sehen können, weil wir es verstehen. Alles andere bleibt uns verborgen. Auf Viertausendvierhundert Metern Höhe ist das Spektakel heute angesetzt. Höhenluft berauscht unsere Empfindungen, umrahmt von tausenden lustig bunt im Nebel schwebenden Gebetsfähnchen. Was für eine Kulisse! Die Farben der Fahnen mischen sich mit dem Bunt des Laubes. Hey, heute ist bei uns Herbst! „Vielleicht einer der einzigen herbstbunten Tage, die wir in diesem Jahr erleben werden?“, rauscht es mir durchs Hirn. Später im Tal, noch immer dreitausendfünfhundert Meter hoch, geht das Schauspiel weiter. Wir sind in einem kleinen Dorf nahe der Stadt Deqin. Sie ist die letzte Bastion der Chinesen vor dem Übertritt nach Tibet. Militär soll reichlich stationiert sein in diesem, einst verschlafen in einem Bergwinkel liegenden, Ort. Die Atmosphäre zieht uns nicht wirklich an. Also rollen wir weiter. Und machen erst Halt, als wir meinen uns wohler zu fühlen. Ein kleiner Tempel lacht uns entgegen. Kerzen stellen wir auf. Momente der Einkehr bei uns selbst. Die Landschaft um uns herum ist eine Offenbarung. So schön, so geheimnisvoll, so vergänglich die Bilder, die von den vorbei ziehenden Wolken frei gegeben werden. Es ist als verstehe ich in diesen Augenblicken das chinesische Wort „kuai le“ auf neue Art. Es bedeutet „Glück“ und steht für „die flüchtige Freude“.

Am seidenen Faden / In the silk thread

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Am seidenen Faden / In the silk thread

22.09.2015 Shangrila / China / N28°02’21.2“ E099°25’24.2“

Die Berge hüllen mich ein. Sie sind wie eine schützend wärmende Bettdecke und mächtig tobende Gebirgsriesen zugleich. Der Nebel des Regens schenkt ihnen ein behutsames Antlitz, macht sie für mich liebenswert, wenn ich die Sonne über die Kuppen blinzeln sehe. Zwischen Dreitausendfünfhundert und Viertausend Metern Höhe bewegen wir uns. Die Berge um uns herum erreichen schnell Zahlen, die mit einer „6“ beginnen und dann mindestens vier Nullen im Schlepptau mit sich ziehen. „Tibetisches Hochland“, noch in China gelegen. Es ist für mich neu zu erleben, dass ich mich, hier auf chinesischem Boden, von mehr Tibetern umgeben weiß, als es in Tibet selbst der Fall ist. Da die Tibeter hier weitestgehend „in Ruhe“ gelassen werden und Tibet selbst mehr und mehr von Chinesen bevölkert wird, um die Homogenität der Tibeter aufzubrechen. Geld bekommt man als Chinese dafür, wenn man nach Tibet umsiedelt. Eine Einwanderung als Unterwanderung sozusagen. Grenzen haben immer auch etwas Fließendes. Und wo sich Menschen vor Urzeiten ansiedelten, richtet sich sowieso nicht nach den scharf gezogenen Linien eines künstlichen Striches, auf dem dann Posten zur Grenzkontrolle aufgestellt werden. In Kasachstan leben Kirgisen, in der Mongolei Kasachen, in China Mongolen und Tibeter und immer so fort. Könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht... Tibet ist für mich der Inbegriff des Buddhismus. Auch wenn der nicht aus Tibet stammt, sondern aus Indien kommt, wo er im 5. Jahrhundert mit „Siddhartha Gautama“ sein Licht entfachte. Und doch habe ich mich immer gefragt, wie der Buddhismus und die Gebetsfahnen in Zusammenhang stehen. Heute nun habe ich es erfahren. Bevor der Buddhismus im 7. Jahrhundert in Tibet Fuß fassten, gab es in diesem Gebiet eine andere Religion, die sich „Bön-Religion“ nannte. Die Riten der Gebetsfahnen, Pilgerwege und heiligen Landschaften in Tibet, stammen aus dieser Zeit und haben durch seine Verschmelzung zu einer ganz eigenen Ausprägung des Buddhismus in Tibet geführt. Die erste Ernennung für den damaligen Führer der Galugpa - Kämpfer mit dem Titel „Dalai Lama“, was so viel wie „Ozean der Weisheit“ bedeutet, wurde ihm durch einen Mongolen verliehen. Das war im 13. Jahrhundert und der Beginn der Verschmelzung von Religion und Politik in Tibet. Seit dem wird beides vom Dalai Lama geführt. Wir winden uns Kurve für Kurve im Tibetischen Hochland nach oben und werden plötzlich mit ganz irdischen Themen konfrontiert.

Shangrila / China N28°02’21.2“E099°25’24.2“

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Jamie, unser Holländer ist mit seinem VW zwischen zwei Busse geraten. Es war an einem der vielen Serpentinenhänge. Jamie wollte einen Bus überholen, als plötzlich von oben ein weiterer auftauchte. So wurde er von den Bussen in die Mangel genommen. Glück im Unglück! Schrammen an beiden Seiten, ein umgeknickter Spiegel, der seine Splitter bis in Jamies Augen fliegen ließ, eine zerbrochene Frontscheibe an einem der Busse und ne Menge Schockgefühl sind die Ergebnisse. Wir anderen sind einmal mehr wachgerüttelt, ob des wahnsinnigen Verkehrs in China. Tempo, Enge, Rücksichtslosigkeit und absolutes Risiko sind die Attribute, die ich dem chinesischen Verkehr verleihe. Auf der Polizeistation erfahren wir, dass wir zwar alle miteinander versichert sind. Doch diese Versicherung sich ausschließlich auf „Unfälle mit tödlichem Ausgang“ beschränkt. Alles darunter ist „eigenes Vergnügen“. Was für ein Wahnsinn, ausschließlich in diesen Kategorien zu denken. Wir sind alarmiert und fassungslos zugleich. Der Abend wird für uns einer der ruhigeren. In dem vollen Bewusstsein, wie sehr alles, wirklich alles in jedem Augenaufschlag am seiden Faden hängt.

Abends ist nichts zu sehen / You can see nothing in the evening

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Abends ist nichts zu sehen / You can see nothing in the evening

21.09.2015 Deqen / China / N27°15’16.9“ E100°09’26.9“

 

Andi hält sich den Bauch vor Lachen. Und wir wollen seine Freude teilen. Er hat sich den Spaß erlaubt und beim Frühstück auf „Beidu“, dem chinesischen Google, „Jena“ eingegeben. Er wollte wissen, aus was für einer Stadt wir kommen. „Hey, nun lies vor, was steht da so Lustiges?“ drängen wir ihn. „Also“, fängt er an. „Jena liegt an dem Fluss Saale im Zentrum von Deutschland. Die Stadt hat 10.000 Einwohner und befindet sich in Thüringen. Sie ist für die optische Industrie bekannt. Es gibt das Carl Zeiss Werk und die Schott Glasfabrik. Auch die Universität ist sehr bekannt. Man kann hier gut studieren.“ „Aber“, so fährt er fort. „ Jena liegt im Osten Deutschlands und hat eine schlecht entwickelte Wirtschaft. Am Abend ist in Jena nichts zu sehen.“ Nun lachen auch wir beide. Und doch würde ich gern den einen oder anderen Chinesen in unsere 100.000 Einwohner zählende Stadt einladen, um ihn ein wenig umherzuführen, durch die, aus meiner Sicht, doch ganz gut entwickelte Wirtschaft. Mein lokalpatriotisches Herz schlägt hoch, auch wenn ich verstehe, dass aus chinesischer Sicht die Zahlen 10.000 und 100.000 absolut keinen Unterschied machen. Geht doch hier alles, was als Stadt überhaupt mitreden kann, erst bei 8 Millionen Einwohnern los. Und das man die Wirtschaft anderer herunter spielt ist aus Propagandasicht auch nachvollziehbar... In jedem Fall finde ich es hochinteressant, was in der Ferne so berichtet wird und welches Bild sich zeichnet. Überhaupt ist hier alles extrem weit weg, was die Berichterstattung über Europa betrifft. Es geht um China, um China und um China, wenn einmal in einem Restaurant ein Fernseher läuft. Eine Welt drum herum habe ich in den Beiträgen noch nicht wirklich entdecken können. Nach unserem kleinen außenpolitischen Ausflug zum Frühstück mit Andi machen wir uns auf. Zum Wasserfall wollen wir und auf diese Weise unseren Beiden entgegen gehen, die sich gestern auf den Weg machten. Bergauf laufen wir, über Felsen und Steine, den Hängen entlang. Zum Glück sehe ich am Anfang noch nicht, wie hoch wir zweieinhalb Stunden später sind. Es wäre meiner Motivation sicher nicht gut bekommen und hätte wohl eher der Mutlosigkeit Platz gemacht. Doch Schritt für Schritt, Stein für Stein, Kurve für Kurve läuft es sich gut für mich bergan. Manchmal ist es eben doch hilfreich, einfach vor sich hin zu laufen, ohne das große Ziel vor Augen zu haben. Manchmal ist wirklich der Weg das Ziel.

Deqen / China N27°15’16.9“E100°09’26.9“

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Davon bin ich mehr und mehr überzeugt. Zu viel Zielbewusstsein und damit Fokussierung meines Blicks macht mich doch blind für die Möglichkeiten rechts und links des Weges. Auf alle Fälle stehen wir plötzlich vor dem Wasserfall in windiger Höhe und genießen das Puckern in unseren Beinen. Als unser Puls wieder seine Normalschlagzahl erreicht, stehen sie wie aus heiterem Himmel vor uns. Jamie und Guido sind es, die wir mit großem „Hallo“ begrüßen. Abgestiegen ist dann schnell, merken wir, als wir die Stellen passieren, für die wir beim Aufstieg echt Zeit gebraucht haben. In der späten Nachmittagssonne kommen wir zum Leo zurück, legen die Beine hoch und lassen uns die kühlen Biere schmecken. Bis es dann Abend wird und auch hier nichts mehr zu sehen ist.    

Wo der Tiger sprang / Tiger leaping gorge

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Wo der Tiger sprang / Tiger leaping gorge

20.09.2015 Deqen / China / N27°15’16.9“ E100°09’26.9“

Sechstausenddreihundert Kilometer ist er lang. Im Südwesten Chinas entspringt er als kleiner Gebirgsbach. Fließt durch Tibet und sieben Provinzen des Landes. Auf seinem Weg begegnet er Hunderten von Nebenflüssen, deren Wasser er einkassiert und mit sich nimmt, bevor er nördlich von Shanghai in das Ostchinesische Meer mündet. Sechstausenddreihundert Kilometer mitreißende Gewalt, kaum bezwingbare Power, und Mächtigkeit, die einschüchtert. Ich stehe in der dreitausendneunhundert Meter tiefen Schlucht des „Jangtse-Rivers“. Rechts und links von mir ragen steile Felswände in den Himmel, als wollten sie dem Fluss ein überdimensionales Schloss erbauen. Doch der Baumeister war das Wasser selbst. Es grub und gräbt sich tiefer und tiefer. Schneidet eine Schneise zwischen die Berge, dem Wasserstrahlschneiden gleich. Lilian, Andi, Sten und ich stehen vor den Wassermassen, die zu kochen scheinen. Aufgeregtheit, Aggressivität und Ungestüm spritzt zu uns herüber. Ich kann nur lachen, wenn ich an Maos Ansinnen denke, der sich in den Jahren seiner Macht zum Ziel gesetzt hatte, die Natur zu bezwingen. Alles hat er daran gesetzt, die Volksmassen dazu angestachelt und gezwungen. Doch eines ist mir sonnenklar. Die Natur duldet uns allenfalls. Bezwingen lässt sie sich nicht. Ein Meisterstück an Überzeugungskraft zeigt sie uns in der Schlucht, von der erzählt wird, dass einst ein Tiger darüber gesprungen sein soll. Hier am Beginn des Tibetischen Hochlandes. Hier an den Ausläufern, die zum Himalaja führen. „Beginn“, „Ausläufer“, klingt wie „seichte Sommerwiese“. Doch umgeben sind wir von fünftausendfünfhundert Meter hohen Bergkuppen. Die alles andere sein wollen als „Ausläufer“ und das auch selbstbewusst zur Schau stellen. Die Straße windet sich an den Berghängen entlang. Oft ist sie unterbrochen von Steinwürfen und ganzen Halden an Geröll. Welches sich wie süßer Brei vom Berg her ergießt. Langsam nehmen wir mit unserem Leo Kurve für Kurve. Ich halte meinen Blick streng nach vorn gerichtet. Sobald mir das Missgeschick unterläuft und ich nach rechts, zum Abgrund schaue, wird mir schwindelig und schlecht. Absperrungen gibt’s hier keine. Man ist froh, dem Berg überhaupt einen einigermaßen waagerechten Weg abgerungen zu haben. Da bleibt kein Platz für Haltepfosten. Wo die Straße seitlich endet, beginnt augenblicklich der senkrechte Fall in die Tiefe. In Europa und Amerika wird immer mal von spektakulären Straßen gesprochen, die dann angepriesen und in aller Munde sind. Hier, im dicken Bauch Chinas, hält das kaum einer für der Rede wert. Hier gibt es Straßen, die in Europa die Marketingtrommel aber mal so richtig ins Drehen bringen würden. Mit allem Tamtam und fetten Aktionen.

Deqen / China N27°15’16.9“E100°09’26.9“

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Hier gibt es dafür nicht mal Hinweisschilder, geschweige denn eine Karte über das Gebiet für Guido und Jamie. Unsere beiden Holländer haben sich aufgemacht, den „Sky walk“ zu nehmen. In schwindelige Höhen windet sich der Weg bergaufwärts. Serpentine für Serpentine. Meine Knie haben schon gestreikt allein beim Anblick der Höhenlinie. So habe ich beschlossen, reif genug zu sein und auch mal „Nein“ zu sagen zu dieser „ultimativen Bergtour der Welt“ und kleinere Runden zu drehen.  Das Tosen und Krachen, das, alles in Erregung bringende stürmische Lärmen, begleitet uns in den Abend und verstärkt sich in meinen Ohren, als die Dunkelheit sich mit dem meterhoch spritzenden Wasser vereint. Schwarzes Toben ist meine Einschlafmusik, am Hang der „Tigersprungschlucht“ ohne Tiger.

Wasserkuss / Water kiss

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Wasserkuss / Water kiss

19.09.2015 Lijiang / China / N26°52’40.0“ E100°14’13.4“

Yin und Yang. Noch einmal, überall und immer wieder. Ich finde die Gebräuche im Land der aufgehenden Sonne mitunter befremdlich und abstoßend. Auf einer anderen Seite fühle ich mich hingegen maßlos angezogen und fasziniert. „Komm her, geh weg. Ich lieb dich, ich lieb dich nicht.“ möchte ich laut sagen. Mir fällt es schwer zu verstehen, doch ich muss akzeptieren, dass es Kultur ist, Tiere zu verspeisen, die an anderen Orten der Welt treue Gefährten der Menschen sind. Über China kursiert der Satz: „Die Chinesen essen alles was vier Beine hat und kein Stuhl ist.“ Doch warum um alles in der Welt müssen die Tiere dabei noch lebendig sein, oder wirklich direkt vor dem Verzehr auf die eigenwilligsten Arten getötet werden? Warum wird eine lebende Schildkröte auf einen Nagel gespießt, und dann nach unten gezogen, um so den Bauch aufzuschlitzen? Wann hört das Leben auf? Wann fängt der Tot an? Was ist mit der Schildkröte? Lilian, die Motorradfahrerin aus unserer Gruppe, hat genau das heute beobachtet. Und auch, wie spindeldürre kleine Hunde auf ihr Ableben warten, auf dem Markt hier in Lijiang. Besonders beliebt ist wohl der Bernhardiner. Als „Fleischhund“ wird er in China bezeichnet... Man erzählt sich die Geschichte, dass von einem lebenden Esel nacheinander Stücke abgeschnitten wurden, wenn der hungrige Gast sich für Eines entschieden hatte. Vom Fell befreit und mit kochender Brühe übergossen, wurde das ausgewählte Stück Fleisch vom lebendigen Esel entfernt und dem Gast serviert. Na guten Appetit. Ich bin kein Vegetarier. Doch ich merke, wie es mich hier mit meinen Stäbchen mehr und mehr zu den Gemüsetellern hinzieht. Da hilft mir die Aussage, die ich las: „Wie soll man von einem Volk, mit dem so brutal umgegangen wurde erwarten, dass es Mitleid mit den Tieren hat?“ auch nicht weiter. Das man bei einer Hungersnot alles isst was, was einem vor die Füße kommt ist mir klar. Doch warum auch zu anderen Zeiten und warum auf diese Art und Weise? Ich bin beobachtender Gast in diesem Land. Doch das will mir einfach nicht in den Kopf hinein. Auf der für mich anderen Seite leben die Chinesen beim Zubereiten des Essens das Yin und Yang Prinzip als Philosophie. Sie sprechen den meisten Gemüse- und Obstsorten „Yin- Anteile“ zu.

Lijiang / China N26°52’40.0“E100°14’13.4“

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Was so viel bedeutet, dass diese das Weibliche, Weiche, Feuchte und Kühlende verkörpern. Der Philosophie nach sollte jedes Essen neben dem Yin auch Yang enthalten. Also Gebratenes und scharfes Essen, die männliche Seite ansprechend. „Die Ausgewogenheit und der Einklang von Beidem ist zu jeder Mahlzeit wichtig“, so die Philosophie. Dieser Feinsinn einerseits, diese Härte andererseits. Wo kommt das her? Wie lässt es sich miteinander vereinen?  Dann stehen sie satt vom Tisch auf, um rückwärts laufend ihrer Wege zu gehen. Das Phänomen beschäftigt mich nun schon so lange, wie wir in China sind. Inzwischen habe ich Antworten gefunden. Sie tun es, um Muskeln zu trainieren, die sonst vollkommen brach liegen, und um ihre Gehirne ganzheitlich zu animieren. Klingt für mich irgendwie schlüssig. Das möchte ich glatt auch mal ausprobieren. Ich mag die Idee.  Genau so mag ich die der Wassermaler. Die Spitzen ihrer großen Pinsel sind aus Schaumstoff, die mit Hilfe eines Infusionsschlauches mit Wasser gedrängt werden. Dem Tanzen gleich sind die Bewegungen, die sie beim Schreiben der alten Gedichte und Verse auf den Plätzen des Landes vollführen. Die flüchtige Vergänglichkeit ihrer Kunst macht mich still und stumm. Nichts ist für die Ewigkeit. Es geht ausschließlich um diesen einen kurzen Moment.  Gehört habe ich davon, dass die Maler im Winter Salz in ihr Wasser geben, so dass beim Gefrieren dessen glitzernde Kristalle die Schrift erhaben erscheinen lassen. Was für ein Augenschmaus! Mein Mund würde wohl vor Staunen offen stehen, wenn ich es mit meinen eigenen Augen sehen könnte. Doch so bleiben mir die Bilder meiner Phantasie. China, auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, was nur die Nachdrücklichkeit meines Empfindens unterstreicht, ist für mich das Land aus Feuer und Wasser, ist Himmel und Hölle, Schwarz und Weiß. Ich werde hin und her geschleudert in meinen Empfindungen der Gegensätzlichkeit. Und gebe dieser, für mich grenzenlosen Fremde, doch einen Kuss, mitten auf den Mund. In dem Land das nicht „pro Kopf“ oder „Einwohner“ zählt, sondern „pro Münder“.

„Ni chifan le ma?“ / „Have you already eaten?“

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„Ni chifan le ma?“ / „Have you already eaten?“

18.09.2015 Lijiang / China / N26°52’40.0“ E100°14’13.4“

„Ni chifan le ma?“ sagt man in China zur Begrüßung, wenn man einem guten Bekannten begegnet. Was so viel heißt wie: „Hast Du schon gegessen?“. Kein „Hallo“ oder „Wie geht es Dir?“. Dabei bedeutet die Begrüßungsfrage nicht in jedem Fall, dass man zusammen essen geht. Doch ich finde, sie macht deutlich, welche Rolle das Essen in China spielt. Das Essen und gemeinsame Sitzen am Tisch ist einer, wenn nicht DER zentrale Punkt im Umgang der Chinesen miteinander. Kommen Chinesen in einer größeren Runde zusammen, bestellt einer für alle. Was heißt, dass der Einladende verschiedene Speisen ordert, die dann nacheinander auf kleineren Tellern und in Schalen in die Mitte des rundenden Tisches gestellt werden. Ein großer Pott Reis wird dazu gegeben und los geht es. Jeder bedient sich von allem. Dabei hilft, dass oft der mittlere Teil des Tisches drehbar ist, so dass jeder gut an alle Speisen gelangt. Manchmal ist es eine kleine Akrobatik Übung, mit den Stäbchen die mitunter glibberigen Häppchen zu erhaschen. Doch ich finde diese Art des gemeinsamen Essens wunderbar. Ich fühle mich dann immer sehr mit allen am Tisch verbunden. Es macht für mich einen großen Unterschied, ob sich jeder sein eigenes Essen bestellt und beim Essen mit seinem Blick auf seinen Teller fokussiert ist, oder ob sich die Blicke aller miteinander verbinden, kreuzen, überschneiden, mischen, da alle in Interaktion miteinander stehen. Andi beweist immer wieder aufs Neue, dass er ein gutes Händchen beim Ordern der Speisen hat. Ich glaube er hat ein Gespür dafür, was unsere Gaumen freudvoll kitzeln könnte. Drei Regionen Chinas haben wir inzwischen gestreift. Die „Innere Mongolei“, „Shaanxi“ und „Sichuan“. Von Norden bewegen wir uns über die Mitte Chinas allmählich Richtung Süden. China ist flächenmäßig annähernd so groß wie Europa. Das Land ist zerklüftet und nicht unbedingt leicht zu erfahren. Das führt dazu, dass jede Region ihre ganz eigene Küche, ihre ganz individuellen Speisen und Rezepte ihr Eigen nennt. Vermischungen gibt es wenige. Aufgrund der großen Distanzen und Identitäten mit der jeweiligen Region und deren Gepflogenheiten. In den einzelnen Gebieten gibt es dann noch einmal Untergruppen.

Lijiang / China N26°52’40.0“E100°14’13.4“

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So hat allein die Küche der „Han-Chinesen“, zu denen neun von zehn Chinesen zählen, acht ganz unterschiedliche Schulen des Kochens. Sie nennen sich „Chuan“, „Hui“, „Lu“, „Min“, „Su“, „Xiang“, „Yue“ und „Zhe“, und weisen alle unterschiedliche Charaktere auf. Um das Ganze etwas zu vereinfachen, unterteilen die Chinesen ihre Kochtraditionen dann jedoch gern in die der vier Himmelsrichtungen. Im trockenen Norden wächst das Korn des Landes. Der Süden hat die Aromen. Der Westen rühmt sich mit seiner feurigen Schärfe und der Osten hebt besonders die Frische seiner Zutaten hervor, da das Land auf Grund der vielen Flüsse gut bewässert und somit fruchtbar ist.  Heute Mittag finde ich besonders lecker, wie die frittierten Gemüse die Aromen aufgesogen haben, die als Erstes in dem heißen Öl erhitzt wurden. Das ist überhaupt etwas, was ich gern übernehmen werde. Die Aroma gebenden Gewürze, wie ganze Pfefferkörner, komplette Knoblauchzehen, Koriander und Co werden zuerst im Öl angebraten, so dass sie die Chance haben, ihre Köstlichkeit im Öl zu ergießen. Und erst danach das jeweilige Gemüse oder Fleisch hinzuzugeben. Gemischt wird hier wenig. Jedem Gemüse, jeder Frucht wird ihre Eigenart zugestanden und bekommt ihre Würdigung, indem alles einzeln gegart wird. Die Mischung kommt dann in meiner Schale zustande, in der ich immer wieder neue Kombinationen zusammenstelle. Mal kommen die pikanten Auberginen mit dem krossen Koriander hinein, mal die saftigen Tomaten zusammen mit den knackig grünen Bohnen. Das „Salz“ bei alledem sind die verschiedensten Gewürze. Eine Bohne ist hier nicht einfach eine Bohne. Sondern ein Fest für meine Geschmacksknospen.  Abends sitzen wir heute alle miteinander in der zum UNESCO - Weltkulturerbe erhobenen, achthundert Jahre alten Stadt „Lijiang“, um den brodelnden und dampfenden „Hot-Pott“  herum. Abwechselnd werfen wir Lotus Scheiben, scharf Tofu-Streifen, unterschiedlichste Pilze und Kräuter in die blubbernde Brühe, um sie kurz darauf wieder mit unseren Stäbchen heraus zu angeln. Dabei waren wir doch heute Mittag der Meinung, nichts zum Abend essen zu wollen, da wir satt sein würden vom reichlich leckeren Lunch. Doch wie an jedem Abend, riecht es auch heute um uns herum so anziehend, dass wir nicht anders können, als uns mit Stäbchen auszurüsten und zu kosten, was das Zeug hält.  An meinem Finger trage ich dabei meine neue Errungenschaft. Eine einzige kleine Sache wollte ich mir auf der Reise gönnen. Einen Ring als Erinnerung. Irgendwie besonders sollte er sein. Heute nun haben wir ihn gefunden. Lijiang ist die Stadt der Silberschmiede, die in höchster Präzision ihre Kunst auf Armreifen, Kannen und Gefäße bringen. Seit vielen Jahren mag ich den Anfangsbuchstaben „E“ meines Namens sehr. Ich habe geradezu eine spezielle Beziehung zu ihm. So kam uns die Idee, das chinesische Schriftzeichen für die klangliche Übertragung des „E“ in einen Ring schlagen zu lassen. Zwei Mal hat der Silberschmied getestet, bis ihm und mir das Ergebnis gefiel. Dann hat er damit begonnen, das Zeichen mit feinfühligen, kurzen, gezielten Schlägen in das Stück Silber zu hämmern, was mein Ring werden sollte. Nun trage ich ihn am Finger und freue mich bis über beide Ohren.  Sten freut sich auch. Denn er kann ein akkurat, mit dem Stoff eines alten Parolen-Banners verschnürtes Paket sein Eigen nennen. Darin ruht ein massives Stück Holz, mit Schriftzeichen versehen. Eine geniale Holzarbeit, die ihren Platz einmal zu Hause finden soll. Doch bis es soweit ist, fragen wir sicher noch einige Male: „Ni chifan le ma?“, „Hast Du schon gegessen?“.

Zahlensalat / Figure salad

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Zahlensalat / Figure salad

17.09.2015 Yongsheng / China / N26°33’13.4“ E100°46’47.5“

Die Busfahrer sind die Härtesten. Ihnen scheint es vollkommen egal zu sein, was hinter der nächsten Kurve los ist, oder dass die Straße nur eine gewisse Schmalheit hat und daneben der steile tiefe Abgrund das nächste Reiseziel ist. Mit lautem und ausdauerndem Hupen rasen sie an uns vorbei, koste es was es wolle. Die Insassen müssen mit unglaublichem Vertrauen gesegnet sein, um nicht von einem Schreck in den nächsten zu fallen. Wir verbünden uns mit den Unmengen an Truck Fahrern, die gemeinsam mit uns entlang der Serpentinen schleichen. Vor den Kurven bleiben wir oft stehen, um die heran donnernden Trucks auf der Gegenspur passieren zu lassen. Zwei LKW nebeneinander. Unmöglich. Konzentration ist von uns gefragt, auf jedem Meter. Die Anspannung sitzt mit uns im Leo. Ich kann sie förmlich sehen. Doch wir geben uns entspannt. Am Straßenrand, in wagehalsigen Nischen, stehen Frauen und Männer und preisen ihre wunderbar süßen Mangos an. In Papiertüten gehüllt, hängen die reifenden Früchte an den Bäumen, bevor sie in Styropor-Kisten zur Verschickung verpackt werden. Auch das geschieht am Straßenrand. Wo denn bitteschön sonst? Ist ja kein Platz weit und breit. Direkt neben der Straße ergießt sich das Land in all seiner Steilheit. Da gibt es keine ebenen Flächen. Und wenn, dann wird darauf Reis angebaut. Reisanbau und Ernte. Heute scheint nach tagelangem Regen die Sonne. DER Tag um den Reis zu ernten. Zu Hauf sind die Menschen auf den Feldern unterwegs, um mit Maschinen oder ihren bloßen Händen die Felder abzuernten und danach die Reiskörner auf jedem, noch so kleinen Fleckchen, zum Trocknen auszubreiten. Wie auf einem „Wimmelbild“ sieht es aus, wenn Frauen mit ihren Kindern auf dem Rücken und Männer mit Säcken bepackt, dabei sind, den Reis zu bergen. Alle sind in Bewegung. Jeder ist in Aktion. Schnelligkeit ist gefragt, denn der nächste Regen kündigt sich mit seinen dunkel aufziehenden Wolken bereits an. Zurück bleiben die zu tausenden aufgestellten „Strohpuppen“, die der Landschaft ein fröhlich verspieltes Gesicht überstreifen. Abschleppfahrzeuge sehen wir heute ne ganze Menge. Darauf Fahrzeuge im ganz eigenen Einheits-Design. Bis zu den Fensterscheiben sind sie in rotbraune Farbe getunkt. Das Wasser steht ihnen noch immer bis zum Hals, oder wenigstens schaukelt es in den Scheinwerfern hin und her.

Yongsheng / China N26°33’13.4“E100°46’47.5“

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Die Autos kommen aus den Tälern, in denen es offensichtlich Überschwemmungen gegeben hat. Jetzt sind sie dort an manchen Stellen dabei, eine neue Straße zu bauen. Quasi eine Autobahn durch die Wohnzimmer der alten Häuser. Ein bizarres Bild. Doch wie gesagt, auf Einzelschicksale kann hier wenig Rücksicht genommen werden. Was würde das bei uns in Deutschland für eine Welle der Empörung auslösen, wenn eine neue Straße direkt DURCH gewachsene Wohnstrukturen führen würde? Hier hat man hingegen froh zu sein, dass der Fortschritt Einzug hält... Ohrenbetäubend ist der Lärm, den die Kinder aus ihren Kehlen zaubern, als ich am Nachmittag ihren Schulhof betrete. Sie sind aufgeregt und schüchtern, und werden offener und mutiger, je länger ich einfach dastehe. Ich scheine etwas extrem Fremdes für sie zu sein. Ausländer machen wahrscheinlich selten Halt in diesem kleinen Dorf. Doch für uns sind es immer die schönsten Augenblicke, wenn wir den Menschen auf dem Land näher kommen können. Es sieht so aus, als wohnte ein Teil der Kinder auf dem Schulgelände, den Räumen, vollgestellt mit Doppelstockbetten, nach zu urteilen. Ihre roten Halstücher tragen sie ganz selbstverständlich locker um ihre Hälse gebunden. Mädchen und Jungen rennen miteinander über den Hof. Und ich glaube, es sind annähernd gleich Viele. Obwohl es in China ansonsten einen deutlichen Jungs-Überhang gibt. Von fünfunddreißig Millionen Männern sprechen die Zahlen momentan, die vergebens nach einer Frau suchen, weil schlichtweg zu wenige geboren wurden. Die „Ein-Kind“ Politik, die in den Siebziger Jahren eingeführt wurde, hat dazu geführt, dass viele Familien den illegalen Weg gegangen sind und nur einen Jungen zur Welt gebracht haben. Heute ist die Regelung wieder etwas gelockert. Auf dem Land dürfen die Familien zwei Kinder bekommen, wenn das Erste ein Mädchen ist. „Han-Chinesen“, die mit 92 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe unter den 56 Ethnien Chinas darstellt, dürfen zwei Kinder zur Welt bringen, wenn die Eltern beide jeweils ein Einzelkind waren. Die „Ein-Familien“ Politik hatte zum Ziel, die Bevölkerung Chinas bis zum Jahr 2020 nicht über eine Milliarde Menschen anwachsen zu lassen. Momentan gehen die Behörden davon aus, dass die aktuelle Zahl 1,3 Milliarden beträgt und bis zum Jahr 2033 auf 1,5 Milliarden anschwellen wird. Hat also doch nicht ganz geklappt mit der einen Milliarde... Und trotzdem überaltert China stark. Bis zum Jahr 2040 soll ein Drittel der Chinesen über sechzig Jahre alt sein.
Wir sind heute auf dem Land und wir sind gerade bei den „Han-Chinesen“. Addiert sich das dann mit den Kindern, wenn sie hier doch zwei Kinder bekommen dürfen, falls das Erste ein Mädchen war und ebenfalls Zwei, wenn sie als Eltern Einzelkinder gewesen sind?

Ameisenvolk / Ant people

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Ameisenvolk / Ant people

16.09.2015 Xiqu / China / N26°37’28.6“ E101°28’35.3“

Im „Knick“ zu Myanmar und Indien liegt die Region „Sichuan“. Ein in der Vergangenheit von Königreichen durchzogenes Land. Mit der Zentralgewalt lagen diese oft im Clinch bis sie im 3. Jahrhundert v. Chr. zum Zentrum des „Qin-Reiches“ ernannt wurden. Eines der späteren Königreiche nannte sich „Shu“ und ist noch heute Namensgeber für die Region. Vom „Min“ Fluss ist das Land durchzogen, dessen zweitausend Jahre alte Bewässerungsanlage die Menschen hier noch heute vor Überflutungen schützt und das Gebiet so fruchtbar macht. 1975, nachdem, auf Grund von politischen Fehlentscheidungen, eine große Hungersnot ein Zehntel der gesamten Bevölkerung Sichuans sterben lies, rief der Gouverneur und 1. Sekretär der Kommunistischen Partei der Provinz, Zhao Ziyang, marktwirtschaftliche Reformen aus. „Verantwortungssystem“ nannte er es. Er wies jedem Bauern eigenes Land zu mit der Maßgabe, einen Teil der Ernte an den Staat zu verkaufen. Das erfolgreiche Projekt wurde zum nationalen Vorbild erhoben und auf das gesamte Land ausgeweitet. Zehn Prozent aller landwirtschaftlichen Produkte Chinas kommen noch heute aus der Region „Sichuan“. Wie ein Flickenteppich liegen die aneinander gestückelten Klein- und Kleinstfelder aneinander. Terrassen durchziehen das bergige Land und lassen selbst Bananenstauden in eintausend Fünfhundert Meter Höhe gedeihen. In noch so steile Abhänge hat das Volk der Ameisen Ebenen geschlagen, um dem Berg ein weiteres Stück zu kultivierenden Boden abzugewinnen. Schaue ich auf das zerklüftete Land, würde ich sagen: „Da ist nichts zu machen. Das ist ne Bergregion und basta.“. Doch genau da scheinen die Chinesen ihre Stärke zu haben. Geht es ums Unmögliche, sind sie in Massen zur Stelle und machen irgend etwas. Ich stelle mir gerade vor, wie das Land aussah, bevor Tausende Menschen daran Hand anlegten. Eine verschlafene, in sich ruhende Gegend, die es liebte für sich zu sein. Denn Zugänge zu offenbaren schien nicht die Idee der Landschaft. Dann kamen sie zu Hauf, die Chinesen. Wuselten herum, einem Ameisenvolk gleich. Und als sie wieder gingen durchzogen Hochstraßen und angelegte Felder die Berge. Der Plan des Gebirges war DAS mit Sicherheit nicht. Doch das kümmert die Chinesen wenig. Sie trotzen ihrem Land ab was nur irgend geht.

Xiqu / China N26°37’28.6“E101°28’35.3“

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Vielleicht sind wir Deutschen in unserem Urwesen einfach faul? Weil es bei uns immer um Effizienz geht, irgendetwas zu vereinfachen, zu automatisieren, abzukürzen, gleichzeitig zu tun. Um dann entspannt mit nem Weinglas und hochgelegten Beinen dem Sonnenuntergang entgegen zu blicken. Ein mir sehr sympathischer Gedanke! Im Gegensatz wird in China alles mit Masse gemacht. Vereinfachung scheint nicht der Maßstab zu sein. Menschenmengen sind vorhanden. Und kann irgendjemand mal nicht mehr, sind gleich zehn weiter Chinesen zur Stelle, die den Job haben wollen. Ein hartes System, nicht unbedingt für Menschen gemacht. Alle meine humanistischen Gedanken, Werte, Grundsätze und Eckpfeiler wirbeln in meinem Kopf herum. Alles eckt an allem an. Hier, für mich, in China.  Wir fühlen uns tatsächlich ameisenklein in dieser so gigantisch großen Landschaft. Die Berge scheinen, mit ihren dicken Bäuchen wackelnd, schallend zu lachen. Wenn eine von den Ameisen sich mal wieder zu wichtig nimmt. Sie sind es, die hier das Sagen haben. Im Jahr 2008 hat das die Region auf das Schmerzlichste zu spüren bekommen. Als ein Erdbeben achtundachtzigtausend Menschen das Leben kostete, und Millionen verletzt und obdachlos wurden. Während ich am Abend, nach einem selbstgekochten chinesischen Mahl an meinem Rotwein nippe, drängt es mich zu denken: „Lasst uns einfach gut miteinander umgehen. Wir alle wissen nicht was morgen kommt. Die emsigen Ameisen nicht und die nach Effizienz Strebenden ebenso wenig.“          

Wo der Pfeffer wächst / Where the pepper grows

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Wo der Pfeffer wächst / Where the pepper grows

15.09.2015 Liangshan / China / N28°11’40.6“ E102°10’01.8“

Lilafarben ist sein samtener Anzug und weiß seine Schuhe. Der Blick fokussiert doch nicht starr. Die Bewegungen fließend, zur Musik aus dem kleinen roten Kästchen. Er weiß was er tut und schon oft getan hat. Das kann ich sehen. Lang sind die Sequenzen und immer wieder anders die Choreografie. Der Tai Chi Meister und sein Schüler. Synchron in ihren Bewegungen miteinander verbunden. Wie ist es möglich, dass ich erwache und es das Erste ist, was ich erfahre? Tai Chi vor unserem Leo. Ich bin gerührt. Seit Tagen wollte ich am Morgen in einen Park gehen, um die Tai Chi Praktizierenden am erwachenden Tag zu erleben. Und nun sind sie zu uns gekommen... Ganz still stehe ich da und sehe den beiden zu, wie sie die Sechszehnhundert von der Familie „Chen“ ins Leben gerufene Kampfkunst vollführen. Ihre Rahmung ist der charaktervolle alte Dorfplatz hier oben in den Bergen. Da ist nichts restauriert und auf „historisch“ getrimmt. Hier ist es wie es schon seit langem war. Ich lasse die Zeit vergehen und würde diese Augenblicke doch zu gern festhalten. Der Tag nimmt seinen Lauf. Wir gehen unserer Wege. Die Gesichter geben ihm ihre Prägnanz. Was sind das doch für unglaublich schöne Gesichter. Gezeichnet von jedem ihrer gelebten Tage. Ich kann mich nicht satt sehen und mische mich unter sie. Habe Freude daran mit ihnen Gesten auszutauschen und fühle mich pudelwohl. Ich merke wie gut es mir geht. An diesem Fleckchen Abgeschiedenheit. Dort, wo der Pfeffer wächst. Kleine unscheinbare Büsche mit zierlich grünen Blättchen sind es, an denen die Würze gedeiht. Wir kaufen Pfeffer und Pfeffer-Öl von den hutzeligen, warmherzigen Frauen, um uns später der Düfte von heute zu erinnern. Weiter gen Süden, was nicht heißt, weiter in die Wärme, sondern eher in die Höhe. Auf dreitausend Meter schraubt sich die Straße. Ein Meisterwerk der Baukunst. Atemberaubend, wie sie hier oben komplette Kreistunnel durch die Berge gegraben haben, um die Steigungen zu überwinden. Manchmal habe ich das Gefühl, bei den Chinesen geht es ganz stark um das eigene Befinden und Wohlgefühl, wie beim Tai Chi. Andererseits scheint es überhaupt nicht wichtig, wie es dem Einzelnen geht, wenn Bauwerke zu errichten sind, die eigentlich unmöglich scheinen.

Liangshan / China N28°11’40.6“E102°10’01.8“

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Da ist wieder das Yin und Yang. Da ist sie wieder, die Balance im Ganzen gesehen. China, es gelingt dir an jedem Tag aufs Neue mich sprachlos in der Ecke stehen zu lassen. Ethnien gibt es viele in diesem so unglaublich großen Land. Menschen völlig unterschiedlichen Aussehens, mit eigenen Schriften und Sprachen. Informationen über sie zu erhaschen ist schwierig in dem gigantischen doch sehr verschlossenen Land. Das Internet hilft mir nicht weiter, da es auch dort ein großes Stoppschild für die mir sonst geläufigen Plattformen gibt. Also finde ich mich ab und sehe was ich sehe und für mich selbst verstehe. Alle Sinne stehen in mir auf „AN“. Das Schmecken, das Hören, das Sehen, das Fühlen und das Riechen. Das heute ganz besonders. Hier im Land, wo der Pfeffer wächst.     
                

Leos Tanz / Leo’s dance

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Leos Tanz / Leo’s dance

14.09.2015 Giuxiang / China / N29°34’51.2“ E102°37’21.50“

Klatsch, klatsch, klatsch, macht es in meinem Traum. Was ist das, wo kommt es her? Das Geräusch scheint nicht zu meinem träumen zu passen. Langsam erwachend höre ich das Klatschen vor dem Leo-Fenster und schaue hinaus. Es sind Frauen die rückwärts laufen und dabei hinter ihren Rücken rhythmisch in ihre Hände klatschen, Schritt, klatsch, Schritt, klatsch. Augenblicklich fühle ich mich hellwach und gut gelaunt. Der Tag kann kommen! China scheint langsam zu spüren was ich mag und zeigt mir stückchenweise davon. Wer offenbart schon gleich von Anfang an seine Geheimnisse? Ich empfinde diese allmähliche Annäherung als mir sehr entsprechend und liebenswert. Wir sind in Leshan, der Stadt mit den beiden Flüssen „Dadu“ und „Min“. Sie treffen als zwei große wilde Ströme sprudelnd aufeinander und waren über lange Zeit eine tödliche Gefahr für die Fischer und Schiffer. Das war der Grund warum der buddhistische Mönch mit dem Namen „Haitong“ im Jahr 713 n. Chr. damit begann eine gigantische Buddha Statue in den Stein der Uferfelsen zu schlagen. Zu seinen Lebzeiten konnte er sein Werk nicht vollenden. Erst neunzig Jahre später war es soweit, dass der einundsiebzig Meter hohe Buddha seinen milden Blick auf die Strömungen der Flüsse richtete. Und tatsächlich. Sie konnten in ihrer Unberechenbarkeit gedämmt werden. Ob es nun am Buddha selbst lag oder am Bauschutt, der bei den Steinmetzarbeiten ins Wasser fiel, bleibt dahin gestellt. Auf alle Fälle hätte es das eine ohne das andere nicht gegeben. Das war vor eintausend zweihundert Jahren. Achtundzwanzig Meter misst der Abstand von Schulter zu Schulter. Sieben Meter ist allein ein Ohr des Buddhas groß und acht Meter fünfzig ein Zeh von ihm lang. Eine Wucht an Ausgeglichenheit und ausgestrahlter Ruhe. Heute scheint dies weniger wichtig für die beiden Flüsse als vielmehr für die Unmengen an Menschen, die täglich zu ihm strömen. Ich versuche mich in mir selbst zurück zu ziehen, um keinen Tinitus von den unentwegten Lautsprecherstimmen der chinesischen Reiseleiter zu bekommen, die sich, direkt nebeneinander stehend, einen immer währenden Erklärbär-Stimmwettbewerb liefern. Schließe ich meine Augen, weiß ich nicht wo ich bin. Im Zoo vielleicht?

Giuxiang / China N29°34’51.2“E102°37’21.50“

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Freudig reihen sich die Chinesen in die Schlange ein, die sie für zwei Stunden gefangen halten wird, wenn sie in Tippelschritten vorwärts kommend, eng an eng gedrängt, die Treppen und Wege am Buddha entlang geschoben werden. Schon vom Zusehen allein wird mir eng in der Brust und wir entscheiden, dass wir alles gesehen haben was wir wollten und lassen uns statt dessen lieber vom Dunst der Räucherstäbchen einhüllen und dem Gesang der Mönche umfangen. Ein Tempel, unweit des Getümmels und doch ist es hier weit weniger laut und vollgestopft mit Besuchern. Ich habe Zeit für meine Lieblingsbeschäftigung und beobachte die Menschen in dem was sie Tun. Die Innigkeit ihres Gebetes überträgt sich auf mich und lässt mich entspannen. Entspannt beschließen wir auch unseren Tag in einem kleinen alten Dorf in den Bergen. Wieder einmal betreten wir einen Ort an dem Besucher selten und Ausländer die absolute Sensation sind. Wir „reden“ mit den Menschen. Ich fotografiere sie, sie lachen und sind vollkommen überrascht, sich selbst auf dem Display meiner Kamera zu entdecken. Auch unserem Leo ist zum Lachen zu Mute als die Bewohner des Dorfes direkt vor ihm beginnen ihren allabendlichen Tanz zu vollführen. Sie fordern ihn geradezu auf, mit zu tanzen. Doch er ziert sich ein wenig.

Sonntagskino / Sunday cinema

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Sonntagskino / Sunday cinema

13.09.2015 Leshan / China / N29°33’56.0“ E103°46’15.5“

Die Straßen sind verstopft. Kein vor und zurück. Nichts geht mehr. Dazwischen ein Motorroller. Voll beladen mit Paketen, die jedes statische Gesetz aus den Angeln heben. Plötzlich, ein kleiner Ruck und alles liegt am Boden. Hat die Physik doch Recht behalten? Oder war es einfach das nächste Fahrzeug, was den Motorroller zum Kippen gebracht hat? Der kleine Mann müht sich seine Pakete irgendwie wieder aufzurichten. Wie das gehen soll ist mir ein Rätsel. Hilfe gibt es keine für ihn. Auch nicht von dem Mann, der in seinem Auto direkt hinter ihm wartet. An einer Ampelkreuzung stehen zwei Frauen. Sie schreien sich an. Ihre Gesichter sind aufgeplustert wie die zweier Kampfhähne. Ich schließe die Augen, um sie sofort aufs Neue zu öffnen, für den Mann am Straßenrand. Auf Knien hockt er da. Berührt mit seiner Stirn den Boden und richtet sich gleich darauf für den nächsten Schritt auf, um augenblicklich erneut auf den Boden zu fallen, mit Händen und Knien abgestützt. Einen voll beladenen Karren zieht er hinter sich her. Vollkommen in sich versunken setzt er seinen Gang fort. Wo kommt er her? Wo will er hin? Warum ist er hier? Ich habe von heiligen Bergen gehört, welche die Menschen auf diese Weise umrunden. Doch eine zehn Millionen Stadt auf diese Art zu durchqueren ist für mich eine neue Dimension. Nächster Blick, nächste Szene. Orange leuchtet die Jacke des Mannes, der, still vor sich hin schauend, einen selbstgebauten Besen schiebend, die Straße kehrt. Platz gibt es wenig für ihn, so ganz an den Rand der Straße gedrängt. Nur wenige weichen ihm aus. Er muss sehen wo er bleibt mit seinem Schmutz, der nicht seiner ist.
Sekunden, Augenblicke, Szenen. Pausenlos, wohin ich meinen Kopf auch wende. Wohin in meinem Kopf damit? So viel, viel, viel. Ein Kaleidoskop der Kleinkünstler. Eingebettet in die Szenerie des Großstadttrubels. Wir lassen die Millionen Chengdus hinter uns und rollen weiter. Nächste Stadt, nächster Stopp, nächste Szene. Chinesische Opern singen sie auf einem Fleckchen Grün. Fünf lustige alte Leute. Die Musik ist ihr Elixier, und unseres scheinbar auch. Blitzschnell haben wir ihr Mikrofon in der Hand um zu singen. Wir geben was wir können, im Stil der chinesischen Oper. Kaum habe ich mich um meine eigene Achse gedreht, den Kreiseln gleich, sehe ich sie tanzen.

Leshan / China N29°33’56.0“E103°46’15.5“

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Durch den Mann mit der Peitsche. Immer wieder, immer wieder knallt es laut. Die Kreisel lieben es und drehen sich um sich selbst. Vorwärts Kommen beim um sich selbst drehen.  Kaum drei Schritte weiter ein kleiner Chor. Frauen sitzen in Reihe, aufmerksam mit ihren Augen den Text verfolgend. Ihre Münder bewegen sich wie von allein. Kraftvoll klingt es und kämpferisch, was sie da singen. Manche von ihnen lächelt mich an, andere Blicke sind ernst und fragend. Sie beobachten mich. Ich beobachte sie. Ein lustiges Spiel der Wechselseitigkeit.  Beim Tanzen hält es mich nicht mehr am Rand. Ich bewege mich zur Musik, die laut plärrend einen Rhythmus vorgibt.   Was ist das was wir erleben? Eine Puppenkiste, aus der wir pausenlos neue Spielsachen kramen? Alles kann sich bewegen, alles macht Geräusche, alles ist bunt. Bin ich eine der Puppen oder das vor der Kiste stehende Kind? Ich wechsele die Seiten ab und an und bin doch still staunende Beobachterin.
Es scheint nichts zu geben, was es in China nicht gibt. Die volle Palette an Menschentypen und Charakteren, von bitterernst und wütend bis freundlich lächelnd und heiter. Für mich gibt es nicht DEN typischen Chinesen. Zu viele Verschiedene sind mir inzwischen begegnet. Lärm mögen sie alle und schupsendes Geschiebe auch. Blinkende Farben finden sie schön und quietschende Stimmen aus Lautsprechern haben sie gern. Doch in ihren Wesen ist alles vertreten. Es ist nicht DIE Art Menschen, um sie über einen Kamm zu scheren. Trotz allem Gruppengehabe ist da immer wieder auch ein Haufen Individualität. So langsam sehe ich mich ein in die Welt der Vielen hier, beginne sie in den Details zu mögen. Sonntagskino eben. Nur den „Aus-Knopf“ vermisse ich manchmal.

Zeitströme / Time streams

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Zeitströme / Time streams

12.09.2015 Chengdu / China / N30°44’08.7“ E104°08’31.5“

Viel Gegenwart um uns herum. Viel Zerstreuung und Aktion. Da tut ein Blick zurück, ein Innehalten gut. Wir gönnen uns diese Rückschau in der Nähe von Chengdu, im Sanxingdui-Museum. Um 1940 herum fanden Bauern auf ihren Feldern immer wieder Scherben und Überreste aus Metall. Beachtung schenkten sie den Funden damals wenig, da Kriege, Geldmangel, Hungersnöte und politische Unwegbarkeiten ihnen keine Gelegenheit boten, sich um Derartiges, wie ein paar alte Scherben zu kümmern. Erst im Jahr 1986 begannen Archäologen aktiv und systematisch zu graben. Was sie zu Tage förderten ist einer der bedeutendsten Kulturschätze Chinas. Kunstvoll gefertigte Masken, Geldbäume, mannshohe Figuren aus Bronze, sowie Keramik-Scherben aus den Anfängen der Töpferkunst zeugen davon, welche Hochkultur vor viertausend Jahren in China existierte und lebendig war. Bei den Schätzen handelt es sich um bedeutende Funde aus dem Königreich „Shu“, das als die Wiege der chinesischen Kultur am Oberlauf des Jangtse Flusses gilt. Als seien wir als Besucher selbst Schatzgräber, ist das Museum unter einen Erdhügel gebaut. In der Dunkelheit der spärlich beleuchteten Räume kommen die einzelnen Stücke brillant zu ihrer Geltung. Ich genieße die Ruhe und die Möglichkeit, mich in die Zeit des Erschaffens fallen zu lassen. Welche Ästhetik, welches Gespür für Formen und Proportionen. Die Masken fesseln mich durch die Stärke ihres Ausdrucks. Die fein gesetzten Fissuren in den Schmuckstücken, Kannen und Behältern zeigen mir eine spielerische Phantasie, die mich anzieht. Das Ausgestellte strahlt Intelligenz, und Sinn für das Schöne zu gleichen Teilen aus. Das befriedet mich. Es ist, als betrete ich auf eigentümliche Weise den Boden, auf dem die Chinesen laufen. Ihr Fundament, ihr Selbstbewusstsein, welches sie heute mitunter so unerschrocken und kühn erscheinen lässt. Und wir? Wir stehen am sogenannten „Nullpunkt“ der südlichen Seidenstraße. Brokat wurde in der heute zehn Millionen Stadt Chengdu gefertigt, durch die der Brokat-Fluss seine Bahnen zieht. Von hier aus trugen die Karawanen die edlen Stoffe in die Welt. Selbst das erste Papiergeld wurde in der Song Dynastie, um das Jahr 1.200 herum, hier erfunden. Die Stadt scheint das Besondere zu mögen.

Chengdu / China N30°44’08.7“E104°08’31.5“

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Unser Tag beginnt auf einem kleinen schmuddeligen Platz mit einem gemütlichen Frühstück im Jetzt, nimmt seinen Lauf mit einem tiefen Blick in die Vergangenheit, bevor er uns in der Zuchtstation der Pandabären in die Zukunft befördert. Fünfzig Pandas werden hier dazu angehalten sexuell aktiv zu sein, was ihrem trägen Wesen irgendwie abzugehen scheint. Faul, in der Schwülwärme nach Luft hecheln, liegen sie träge in den Astgabeln und kauen genüsslich an ihrem Lieblingsbambus herum. Wahnsinnig paarungsfreudig wirkt es nicht, wie sie da herum lümmeln und ab und an mal eine Tatze lässig von einer zur anderen Seite schwingen. Und doch scheinen sie ihre mobilen Stunden gehabt zu haben. Denn in der sogenannten Babystation sehe ich zwanzig Zentimeter kleine, plüschtierartige Knuddel-Pandas auf rosa Handtüchern liegen. Gestern, heute, morgen. Der Zeitstrom in unserem Leben und wir stehen mittendrin.

Schulanfänger / School beginner

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Schulanfänger / School beginner

11.09.2015 Guanghan / China / N30°59’12.9“ E104°15’01.9“

Ich fühle mich wie ein Schulanfänger. Als habe ich meinen neuen Ranzen auf dem Rücken, laufe freudig jeden Morgen aufs Neue los, um heute zu verstehen, was die Lehrerin mir erklären will. Mit offenen Ohren und großen Augen sitze ich später in meiner Bank. Anfangs zuversichtlich und wissbegierig, später am Tag zunehmend erschöpfter. In den Gedanken versunken, ob für mich je zu verstehen ist, was da gesprochen und gezeigt wird? Was ist es nur, was uns beide eher wie Brummkreisel drehen lässt, als dass wir das Gefühl bekämen, hier anzukommen. Doch vielleicht muss man nicht in jedem Land „ankommen“? Vielleicht war es bisher so und ist nun einfach mal anders? Ich denke, es ist ein Unterschied, ob wir nah an einer Familie und deren Leben dran sind, oder ob es mehr um das Sehen und Erleben von außen geht. Wir hatten unglaubliches Glück, dass es uns in vielen Ländern gelang, so direkt den Alltag von Menschen miterleben zu dürfen, die wir kennen lernten.
Vielleicht macht uns die ununterbrochene Geräuschkulisse auch mehr zu schaffen als wir glauben? Unser Leben auf der Straße. Einen Platz an einem stillen Ort zu finden ist bisher nicht möglich gewesen. Denn alles, wirklich alles ist zugebaut. Es gibt keine kleinen Wege, die wir entlang fahren könnten, um an einem kuscheligen Platz für die Nacht anzukommen. Wir sind schon froh, wenn wir fünf Meter NEBEN einer stark befahrenen Straße (andere gibt es nicht) einen Platz finden und nicht DIREKT am Straßenrand stehen. „Ohropax“ sollte eine „special edition“ für die nächtliche Geräuschkulisse Chinas herausbringen. Laufe ich durch eine der Städte und komme mit den Leuten in direkten Kontakt, dann sind sie fröhlich und lustig und ich fühle mich wohl. Dann macht es Spaß ihnen zuzuschauen, wie sie in ihren kleinen Garküchen stehen um zu köcheln, dann ist es schön zu sehen, wie sie ihr buntes Obst im Schein einer Glühbirne anpreisen. Die Konstruktionen rund um das Licht sind gewagt und ich erfreue ich daran zu sehen, was sie sich einfallen lassen, damit irgendetwas irgendwie funktionieren kann. Eineinhalb MILLARDEN Menschen brauchen täglich etwas zu essen, zum Schlafen, wollen Geld verdienen, um zu leben. Diese Zahl schwirrt mir pausenlos durch den Kopf und macht mir bewusst, wie hart es ist, sich zu behaupten, wenn recht und links immer drei andere stehen, die auch wahr genommen werden wollen.

Guanghan / China N30°59’12.9“E104°15’01.9“

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Als die „Italiener Asiens“ werden die Chinesen auch bezeichnet. Nicht nur, weil ursprünglich die Nudeln von hier stammen, sondern weil die Lautstärke und das Temperament ein ähnliches sein sollen. Mittags, bei unserer Rast an der Straße bin ich tatsächlich überrascht, wie lautstark die Chefin des kleinen Kneipchens uns irgendetwas zuruft, von dem wir nichts verstehen. Vielleicht denkt sie, dass wir ihr Chinesisch besser verstehen, wenn sie es lauter ausspricht? Doch Andi hilft uns aus der Patsche und ist sprachlich an unserer Seite.  Dreieinhalb- bis Fünf-Tausend Schriftzeichen muss man beherrschen, um einigermaßen lesen zu können. Dabei gibt es insgesamt mehr als vierzigtausend Schriftzeichen. Eine Meisterleistung des Gehirns, die alle auswendig zu können, finde ich.  Andi erzählt uns, dass seine Schulzeit fast ausschließlich darin bestand, Schriftzeichen zu lernen. An anderer Stelle höre ich, dass genau das mitunter das Problem der Chinesen ist. Durch das permanente Auswendiglernen geht ihnen ein Teil ihrer Kreativität verloren. Offensichtlich ein vollkommen anderer Schulansatz als der, der in Deutschland inzwischen verfolgt wird. Doch bei der Komplexität der chinesischen Schrift vielleicht nicht anders machbar. So entwickelt eben jedes Volk seine eigenen Stärken.  Denke ich an Italien, denke ich an das vorzügliche Essen dort. Eine weitere Parallele, die ich zwischen beiden Ländern sehe. Die Vielfalt der Speisen ist hier unglaublich und lässt uns auch heute erneut auf Entdeckungstour gehen. Suppen und Fisch und vortrefflich gewürztes Gemüse sind heute unsere Wahl. Ein paar Lieblingsspeisen kristallisieren sich langsam heraus, doch wir stürzen uns immer wieder in das Wagnis des uns Unbekannten.  Zur Zeit scheinen Reis und Mais geerntet zu werden. So viele Maiskolben, wie überall zum Trocknen ausgelegt werden, so viele Reisernte Maschinen, die auf kleinen Transportern zu den Feldern gebracht werden. Die kleinen Flickenteppiche aus unterschiedlichen Grünschattierungen werden dann von den zwei mal drei Meter großen Maschinen durchgeackert, die oft im nassen Boden stecken bleiben. Ist ja auch echt ne feuchte Angelegenheit der Reisanbau und dessen Ernte. Um den Reis zu trocknen nimmt man schon gern mal die große Hauptverkehrsstraße. Warum ist sie so eben, warum hat sie auch mehrere Spuren? Da sollte eine doch unkompliziert zum Trocknen des Reises abgezweigt werden können... China, du bist ein echter Spaßvogel.  Schaue ich auf die vielen kleinen Details, habe ich Freude und kann mich an den Kuriositäten erfreuen. Das hilft mir und tut gut. Vielleicht rutsche ich auf diese Weise nicht mehr so unruhig auf meiner Schulbank hin und her, sondern verliebe mich einfach in den Mikrokosmos vor meinen Augen.

Bob der Baumeister / Bob of the master builders

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Bob der Baumeister / Bob of the master builders

10.09.2015 Guangyuan / China / N32°26’09.6“ E105°49’13.4“

Wir sind, geografisch gesehen, im Bauch Chinas. Da arbeiten die Organe von früh bis spät. Kennen keine Ruhe, keinen Stillstand. So als käme permanent frisch zerkauter Nahrungsbrei im Bauch an und muss, ob Magen, Leber, Galle, Nieren und Darm nun wollen oder nicht, weiter verarbeitet werden. Sonst kollabiert das System, sonst gibt es einen Totalausfall. Also wird pausenlos geackert und geschuftet. Nachtschlaf scheint in China überflüssig. Zu keiner Zeit hört das Hupen und Quietschen und Fahren und Rufen auf. Bewegung ist hier ein Dauerzustand. Wo finden die Menschen ihre Ruhe? Brauchen sie das nicht? Manchmal ist es als sehe ich „Winke Katzen“ im Dauerbetrieb. Doch selbst denen geht irgendwann der Strom der Batterien aus. China, du bist ein großes Wunder für mich. Wir durchfahren Täler, vollgestopft mit Eisenbahnschienen, Autobahnbrücken und Straßen. Das ist hier wahrlich kein Kinderspiel, wie die tonnenschweren Brückenpfeiler in den Boden des Flusses gerammt werden, der, angeschwollen vom vielen Regen, die Arbeit mit Sicherheit zur Tortur macht. Doch wie mir erzählt wurde, geht es in China nicht um das Befinden eines Einzelnen. Im Dienst des Landes zu stehen sind die Werte um die es sich dreht. Einzig die Jugend in den wirklich großen Städten, also ab fünfzehn Millionen aufwärts, beginnt es anders zu sehen. Bleibt abzuwarten, was das für die Zukunft Chinas bedeutet. Fahren wir umher, fühle ich mich immerzu zwischen Mittelalter und Hyperzukunft hin und her geschleudert. Da ein kleiner hutzeliger Mann mit einem löchrigen Strohhut, abgerissenen Kleidern und nem prallen Bündel auf seinem krummen Rücken. Dort Mädchen und Jungs die, wo sie gehen und stehen, mit ihren Glitzer-Handys beschäftigt sind. Da Brücken, die als Jahrhundertbauwerke durchgehen können, dort eingefallene Hütten in die es reinregnet und aus der trotzdem Menschen gekrochen kommen. In der Mongolei hatten wir immer wieder den Eindruck die ersten Wesen auf diesem unberührten Boden zu sein. Wie eine Spielzeuglandschaft lag das Land vor uns. In China nun ist wohl „Bob der Baumeister“ am Werk und denkt sich für jeden noch so kleinen Winkel etwas aus, um den Boden erst einmal umackern zu können. Kinderzimmerbaulandschaft im ganz großen Stil. Und dazwischen? Meine Augen bleiben haften an den kleinen, leuchtendgrünen Oasen. Es sind Reisfelder, die in wunderschönen Farben und grazil geschwungenen Linien ihren Platz behaupten. Die wollte ich sehen. Sie sind ein Grund dafür, warum ich hier bin. Nun liegen sie vor mir. Still, bescheiden, von innerer Schönheit. Ich bin entzückt und einmal mehr platt vom Gegensatz, der eine Einheit zu bilden scheint. Bob, du mit deinem gelben Helm und Latzhose, gestatte dir ruhig mehr dieser lieblich grünen Hoffnungsflecken.

Guangyuan / China N32°26’09.6“E105°49’13.4“

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Yin und Yang / Yin and Yang

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Yin und Yang / Yin and Yang

09.09.2015 Yang Xian / China / N33°15’37.2“ E107°32’49.3“

Ich nehme meine Stöpsel aus den Ohren und bin hellwach. Hellwach nicht im Sinne von munter. Doch hellwach im Sinne von „mittendrin“. Es zirpt, es zwitschert, es summt, es tropft. Bild und Ton scheinen im Wiederspruch zueinander zu stehen. Als habe der Tonmeister ein anderes Band eingelegt. Die wolkenverhangene Stimmung der Grauton geschwängerten Landschaft hat etwas unglaublich beruhigendes an sich. Dazu der Chor der Tausend Stimmen. Yin und Yang scheinen hier zu Hause zu sein. Das Dunkle nicht ohne das Helle. Und auch das Feuchte nicht ohne das Trockene. Bindfäden gleich zieht der Regen seine Bahnen vom Himmel bis zu uns auf die Erde. Wie ein hauchdünner Vorhang hängt der Regen zwischen allem. Wir gehen hindurch. Doch Vorhang reiht sich an Vorhang. Den Ort des Trockenen kann ich nicht finden. Im Moment. Ich sollte wohl größer denken. Also passen Bild und Ton doch zusammen, ergeben ein Ganzes. Im Gedanken daran, dass das Laute nicht ohne das Leise existiert. Ich kann es im Kleinen finden, das Yin und Yang, wenn ich den Augenblick betrachte, ich kann den Fokus größer stellen und empfinde es nicht mehr als Zerrissenheit, was da in mir wirbelt, sondern kann es als „sowohl als auch“ wahrnehmen, was mich da seit Tagen rührt. Anziehung und Abstoßung in absoluter Form. Pendeln zwischen den Polen, bewegen im Symbol der beiden Kräfte. Auf diese Weise reise ich durch meinen Tag. Im Gebiet der Pandabären, die leider einer Krankheit erlagen, finden wir jedoch eine wunderschöne Affenfamilie. „The Golden Munkies“ werden sie genannt. Blaue Köpfe, warmgolden schimmerndes Fell, dem auch der Regen keinen Abbruch tut. Manchmal schaut mir einer der Affen direkt in die Augen. Das überrascht mich und freut mich zugleich. Spüre ich doch in der Sekunde dieses klaren Anschauens dass es etwas ist, was die Menschen in China scheinbar zu vermeiden suchen. Ein blöder Vergleich, dass ich gerade beim Blick des kleinen Affen darauf komme, doch ich lasse meinem Denken freien Lauf. Mit Andi haben wir seit Tagen unseren Spaß, wenn wir ihm versuchen beizubringen, beim Anstoßen mit einem Bier in die Augen seines Gegenübers zu schauen. Immer wieder huscht sein Blick davon. Und landet beim Glas. Denn hier passen die Chinesen ungeheuer auf. Wer oben und wer unten am Glas seines Nachbars landet ist oberwichtig im Verhältnis zueinander. Alternativ halten beide ihr Glas leicht schräg und vermitteln somit „gleiche Augenhöhe“.

Yang Xian / China / N33°15’37.2“E107°32’49.3“

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Kurven haben uns zum Wald der Pandabären ohne Pandas geführt. Kurven bringen uns auch wieder von dort weg, auf dem Weg zu den seltenen „Ibis“ Vögeln. Zwischendurch haben wir unsere „Freude“ mit übervoll beladenen LKWs, die sich über die Straßen quälen. Ihr sicheres Ankommen scheint auf jeder Fahrt einem Wunder gleich. Unser Leo müht sich, mit seinen zwanzig Jahren, bei den „alten Hasen“ tapfer mitzuhalten, die mit ihren Bassstimmen atemberaubende Geschichten zu erzählen scheinen. Doch da muss sich Leo nicht verstecken. Er hat auch ne Menge beizutragen. Und doch wirkt er etwas schüchtern im Kreis der mächtigen chinesischen Fabrikate. Tatsächlich gelingt es uns Ibis Vögel zu sehen. Ihre Stimmen klingen wie die von einem Entenschwarm. Doch spreizen sie ihre Flügel, um zum Flug anzusetzen, habe ich selten so viel Erhabenheit erlebt. Yin und Yang. China, ich glaube du möchtest es mich lehren und danke dir!

Pastellkreidetag / Day of pastel chalk

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Pastellkreidetag / Day of pastel chalk

08.09.2015 Foping / China / N33°25’12.4“ E107°58’26.9“

Frau Holle hat ihre Laken heute extrem tief gehängt. Und tropfen tun sie auch. Wahrscheinlich ist ihre Schleuder kaputt. Zum Greifen nah, kann ich die Wolken küssen und mich darin verstecken. So bin ich für einen Moment weg und nicht im Sichtfeld der um uns herum Stehenden. Auch mal schön. Halten wir irgendwo an, sind wir Sekunden später von einer Menschentraube umgeben. Wo die alle so schnell her kommen weiß ich nicht. Sie scheinen irgendwo anders ihr Wolkenversteck zu haben. Manchmal laufe ich einfach an unserem Leo vorbei, tue so als gehörte ich nicht dazu. Auf diese Weise ziehe ich die Aufmerksamkeit nicht auf mich, kann zusehen was am Leo vor sich geht und mich trotzdem ungehindert bewegen. Wie an einer prall und gut gewachsenen Weintraube, die voll von einzelnen roten Kullern hängt, stehen die Menschen dicht an dicht um Jamies VW Bus und unseren Leo. Hier sind es viele Menschen, in unserer kleinen Gruppe, die gemeinsam durch China reist, müssen wir heute hingegen Zwei verabschieden. Sie haben sich entschieden die Tour durch China an dieser Stelle zu beenden und dem Abenteuer, durch dieses Land zu reisen, einen Schlusspunkt zu setzen. Ein Teil in mir kann diesen Entschluss sehr gut verstehen. Manchmal ist es wichtig auch scheinbar unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Dann ist es einem wieder möglich voran zu gehen. Man wird wieder Herr im eigenen Kopf, ohne getrieben und fremdgesteuert zu sein. Auf dass es beiden andernorts besser geht, wünsche ich ihnen von Herzen dass sie diesen für sich Ort finden! Und was wird mit uns anderen? Aus acht Leuten sind nun sechs geworden. Lilian und Guido auf ihren Motorrädern, Jamie in seinem VW-Bus, Andi, unser Guide und wir zwei. Wir entscheiden, die weiteren Strecken zu entzerren, einiges einfach wegzulassen, um an anderen Stellen etwas mehr Zeit zum Ankommen zu haben. Wir wollen die Reise durch China alle miteinander mehr zu UNSERER machen, als dass es ein Hetzen durch die Lande ist. Wobei das Wort „Hetzen“ irre führt, so langsam wie wir voran kommen. Ein Tag, gemalt wie mit Pastellkreide. Wir fahren durch Täler und Schluchten. Überwinden Gebirgszüge und durchqueren riesige Tunnel. Tunnel, so lang, als lebten wir in dieser zwanzig Kilometer Unterwelt. Unglaublich. Und davon nicht nur einer. Nein. Sie reihen sich aneinander und durchziehen das gesamte Gebiet der Berge südwestlich von Xian.

Foping / China N33°25’12.4“E107°58’26.9“

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Tauchen wir wieder in Tageslicht, ist sofort der Pastellkreide Maler am Werk. Wie auf chinesischen Gemälden sieht es um uns herum aus. Kleiner Hügel mit grazilem Bäumchen darauf. Auf das Feinste abgestuft die Farben der Grautöne. Verschnaufpausenaugenblicke für meine Seele. Frau Holles Waschtag setzt dem Licht heute schnell ein Ende. Die Müstik inmitten der Berge nimmt zu, das was wir sehen ab. Schlamm, Nebel, aufgewühlte Straßen, kaum Licht von unseren Scheinwerfern und Anstiege ohne jede Seitenbegrenzung lassen uns Halten. In einer Kurve beschließen wir die Nacht zu verbringen. Es ist ein kleiner Gebirgseinschnitt, in dem wir gerade so Platz finden. Gleich neben einer kleinen Hütte der Bergarbeiter. Grünen Tee brühen sie für uns auf. Wir setzen uns zu ihnen während es Draußen in Strömen regnet. Den Teller großen Motten macht das wenig aus. Auch die Heuschrecken und Grillen haben ihren Spaß. In dem kleinen Fernsehen läuft gerade die Übertragung einer großen Siegesparade in Tibets Lasa. Parolen werden gerufen, Reden geschwungen vor Tausenden von Menschen. Der Maler hat seine Pastellkreide inzwischen eingepackt. Die wird sonst einfach nass.

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Nacht der „Neuen Seidenstraße“ / Night of „New Silk-Road“

07.09.2015 Xian / China / N34°19’51.7“ E108°59’02.4“

 

Abgeholt werden wir in einem Porsche. Ups, nun gut. Setzen wir uns in unseren staubigen Klamotten und Flip-Flops eben in den klimatisierten Wagen. Unser offizieller Look auf der Reise beschränkt sich auf ein weißes T-Shirt und eine rote Hose bei Sten und einen dünnen Seidenmantel bei mir. Alles andere ist spontane Kreation des Augenblicks. Doch die ist heute gefragt, dass wird uns sofort klar, als Mary und ihr Partner in der Hotel Lobby vor uns stehen. Sie sind „well gedressed“ und wir eben in unserem Reiseoutfit. Sei es drum. Bis hier her sind wir gekommen, nach Xian. Hier, wo einst der Beginn der Seidenstraße war. Xian war zu früheren Zeiten die Hauptstadt Chinas. Eine gut erhaltene Stadtmauer samt Pagode künden von diesen großen Zeiten der Stadt. Ich frage Andi, warum die Hauptstadt nach Peking umzog und er erzählt mir folgende Geschichte: „Wenn Du Dir die Umrisse Chinas ansiehst, kannst Du die Form eines Huhns erkennen.“ „Das Tier ist für die Chinesen sehr bedeutsam“, fährt er fort. „Dort wo Peking liegt, ist der ‚Hals’ des Huhns. Wenn man es schlachtet, was in China ein wesentlicher Akt ist, wird das Messer genau in diesen Punkt gestochen, wo sich die Hauptstadt heute befindet. Das ist der Grund, warum die Hauptstadt aus dem ‚Bauch’ Chinas in den ‚Hals’ umzog.“ So weit Andis Geschichte. Inwieweit ich sie glaube überlässt er mir. Ich mag Xian. Die Stadt in der wir vor siebzehn Jahren schon einmal waren, hat sich extrem verändert. Die Innenstadt hat sich in allem gewandelt. Und doch kann ich in der Nähe der alten Stadttore die Karawanen losziehen sehen. Wie sie sich damals langsam sammelten. Die Seide Ballen auf die Kamelen verluden, Proviant verstauten. Ernste Gesichter sehe ich vor mir. Konzentriert, ob der großen Herausforderung die vor ihnen liegt. Für Jahre haben sie sich von ihren Familien verabschiedet. Ohne die Gewissheit, jemals heim zu kehren. Waren sie alle Abenteurer? Oder war es einfach die EINE Art Geld zu verdienen? Wir haben inzwischen neunundzwanzigtausendsiebenhundert Kilometer zurück gelegt und sind den neunten Monat unterwegs. Auf sieben Jahre haben sich die Männer damals eingestellt, bevor an Rückkehr zu denken war. Lebenswege, Wege in unserem Leben. Wer weiß schon wo sie einen hinführen?

Xian / China N34°19’51.7“ E108°59’02.4“

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Uns führen sie heute mitten in das Herz der Stadt, in das „Ramada Plaza Hotel“. Über dem Eingang läuft ein rotes Schriftband auf dem wir lesen: „Silk Route Cooking 2015“. In lateinischen und chinesischen Schriftzeichen. Sprachlos stehen wir davor. Riesiges Hotel, galanter Eingang und so großartig werden wir zwei begrüßt. Mir fehlen die Worte. Beim Eintreten in die Lobby finden wir auf einem Screen unser beider Gesichter unter der Überschrift „Night of the New Silk Road“. Mit dem Fahrstuhl erreichen wir den dritten Stock, in dem eine Reihe an Menschen auf uns wartet. Personal vom Hotel, Musiker mit ihren traditionellen Instrumenten, ein Kameramann vom Xian-TV und Männer und Frauen der hiesigen Wirtschaftslandschaft. Sie sind die Initiatoren der „New Silk Road Association“ und haben es sich zum Ziel gesetzt, neue wirtschaftliche Kontakte entlang der Seidenstraße zu knüpfen. Ich mag die Idee, die alten Verbindungen aufs Neue zu knüpfen. Dass wir hier sind, dass die Gesellschaft diesen Abend mit einem „warm welcome“ für uns ausrichtet haben wir Richard zu verdanken. Richard lernten wir vor neunzehn Jahren in einer kleinen Bar in Hangzou, hier in China, kennen. Er ist Chinese und gab sich, wie bei vielen üblich, neben seinem chinesischen Namen einen Europäischen. Aus dem vergnügten Abend mit dem damaligen Radiosprecher „Richard“ wurde eine Freundschaft, die uns seit all den Jahren begleitet. Er lebt heute mit seiner Familie in Deutschland und pendelt immer wieder für Jobs in sein Heimatland. Heute kann er leider nicht bei uns sein, da vor ein paar Tagen in Peking ein Feiertag begangen wurde, der dazu führte, dass viele Flüge gestrichen wurden, und Schmutz verursachende Firmen ihre Arbeit nieder legen mussten, um die Luftverschmutzung in der Zeit des Feierns gering zu halten. In Peking hätte Richard umsteigen müssen, was ihm so nicht möglich war. So danken wir ihm auf das Innigste, während wir den Abschluss unseres „Silk Route Cooking“ Projektes hier am Anfang der Seidenstraße begehen und vom Feinsten das Feinste verspeisen. Unsere Geschmacksknospen erblühen auf das Köstlichste beim Kosten der für mich oft undefinierbaren Speisen. Ist es gerade Fleisch, Seefrucht, Gemüse, Tofu oder eine Mehlspeise, die da, einzigartig gewürzt, vor mir auf dem Teller liegt? Ich bin mir oft nicht sicher. Mag aber das kulinarische Experiment. Toasts werden ausgesprochen, von den Chinesen zu uns, von unserer Seite den einladenden Chinesen gegenüber. Unsere Gruppe ist auch da. Das ist schön und lässt uns den Abend gemeinsam genießen. Andi hilft uns beim Übersetzen, während wir Filme und Bilder zeigen, die entlang unserer Reise auf der Seidenstraße entstanden sind. Der Kameramann ist überall zur Stelle. Er filmt und interviewt uns. Wir im chinesischen TV... Ich muss lachen. Das Essen ist eine Einzigartigkeit, die Gesellschaft auf das Feinste ausgewählt. Wir sitzen an unserem großen runden Tisch unter einer leuchtenden Decke und fühlen uns von innen erhellt. Beim Sehen unserer eigenen Fotos wird mir bildlich bewusst, wie viel wir inzwischen erlebt haben, an welch unterschiedlichen Orten wir uns aufhielten, wie besonders die Begegnungen entlang unseres Wegs waren. Ein Schauer läuft mir über den Rücken.Heute Vormittag standen wir über Stunden schwitzend auf dem staubigen Werkstatthof, nicht wissend, ob die Leute irgendwo die Teile auftreiben können, die wir brauchen. Eine neue Lage für unsere Plattfeder und die Kardanwellenanschlussstücke. Am Ende ging alles gut. Sieben Stunden später fuhren wir hupend vom Hof. Nun hat das Bild gewechselt. Die Kulisse, die Akteure. Alles. „Leben auf der Drehbühne“, geht es mir durch den Kopf, während ich hier sitze und es selbst nicht glauben kann. Ich halte den Fuß zum Bremsen heraus, damit mir nicht schwindlig wird. Und wünsche der Unternehmung „New Silk Road“ guten Schwung.

17 Jahre später / After 17 years

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17 Jahre später / After 17 years

06.09.2015 Xian / China / N34°19’51.7“ E108°59’02.4“

Xian da sind wir wieder. Nach siebzehn Jahren fahren wir mit unserem Leo in die Stadt, in der wir damals für das Land Thüringen eine Messepräsentation aufbauten. Meine Erinnerungen sind schwach. Einzelne Bildfetzen tauchen vor meinem inneren Auge auf. Wie wir die Schriften an die Messewände klebten. Wände, die krumm und schief waren. Mit Werkzeug, welches es nicht gab und chinesischen Messebauern, die nicht da waren. Die Pausen waren länger, als deren Arbeitszeit. Beim Anbringen des Schriftzuges fragte ich mich was „Thüringen“ auf Chinesisch heißt. „Kleines Land mit vielen Bäumen“ war die Antwort, die mir ein Chinese damals gab. Ja, das Chinesische ist eine unglaublich bildhafte Sprache. Mitunter erzählen wenige Schriftzeichen eine ganze Geschichte. So zumindest ist mein laienhaftes Minigefühl, was ich habe. Ich erinnere mich an die Armee der Tonkrieger. Wir besuchten den Ort, der eine Stunde außerhalb der Stadt liegt. Hunderte von mannshohen Kriegern aus Ton standen ausgegraben vor uns. Ein beeindruckendes Bild, eine Wucht an Handwerkskunst und Kulturgut. Xian selbst war damals groß. Sieben Millionen lebten hier. Heute sind es zehn Millionen Menschen, welche die Provinzhauptstadt bevölkern. Kann ich einen Unterschied zwischen sieben und zehn Millionen Menschen ausmachen? Wohl kaum. Damals war alles riesig und weit und heute ist es wohl noch ein wenig größer und die Wege noch ein Stückchen länger. Die Städte wachsen hier horizontal und vertikal. Immer mehr hohe und höhere Wohntürme entstehen. Fenster an Fenster, Etage auf Etage. Wie viele Leben, Mikrogeschichten hinter jedem Quadratmeter Wand... Ich stehe vor einem Hochhaus und denke, dass hier in einem Block mehr Leute leben als in Deutschland mitunter in einer einzigen Stadt. Dimensionen, für mich so unfassbar sind wie die Milchstraße am Himmel. Um nach Xian zu kommen, haben wir es uns heute leichter gemacht. Es gab einen High way auf unserem Weg. Langweiliges kostenintensives Geradeausfahren, doch durchaus mit Erholungsaspekt. Den „Gelben Fluss“ haben wir passiert. Eher „brauner Fluss“ sollte er heißen, so ockerfarben wie sein Wasser durch das Mitspülen des lehmigen Bodens aussieht, was da durch das Bett im Tal fließt.

Xian / China N34°19’51.7“ E108°59’02.4“

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Gewaltig die Landschaft drum herum. Terrassen, angelegt, nehme ich an, geben dem brüchigen Boden ein wenig Halt und dem Bild der Gegend feine Strukturen. Ich entspanne beim Dahinfahren weitestgehend. Wäre da nicht wieder so ein lautes Klappern und Schlagen unter dem Leo, was uns unruhig macht. In Xian angekommen, sucht Andi, unser Guide, gemeinsam mit uns nach einer Werkstatt. Wir werden fündig und müssen lächeln. Von Land zu Land wir das Abenteuer „Werkstatt“ größer. Durch Gassen fahren wir, die vollgestopft sind mit Leben und Lebendigkeit. Wie da noch ein LKW dazwischen passen soll, ist mir ein Rätsel. Doch irgendwie schiebt sich alles zurecht und wir bewegen uns Zentimeter für Zentimeter vorwärts. Die „Werkstatt“, ein großer staubiger Hof mit vielen Männern, die es lustig und spannend finden uns zu sehen. Die meisten hier, so sagt uns Andi, haben einfach noch nie in ihrem Leben andere Menschen live gesehen als Chinesen. Auf genau diese Weise fühlen wir uns angeschaut. Als seien wir bewegliche Ausstallungsstücke, an denen eine Schild steht: „Nicht berühren!“. Was verboten ist, macht man besonders gern. Also fasst jeder mal ein wenig hier an und dort auch. Unsere Kardanwelle schlägt. Sie hat Spiel und klappert. Außerdem ist wieder eine Lage der Blattfedern gebrochen und das fehlende Stück liegt irgendwo im weiten China. Wir haben es vor zwei Tagen klirren hören. Konnten uns aber auf der stark befahrenen Straße keinen Reim aus dem Geräusch machen. Was hier auf diesem Staubplatz geschehen soll ist mir weitestgehend ein Rätsel. Mein Vertrauen hält sich in Grenzen. Doch ich lasse es geschehen. Was sonst. Und krame meinen „Go with the flow“ Zustand aus meinem mentalen Rucksack heraus. Ein kühles Bier am Straßenrand hilft mir dabei. Xian, hier bin ich. Xian, hier sind wir. Wollen mal sehen, ob noch ein paar Erinnerungen wach gerüttelt werden und neue hinzukommen. Siebzehn Jahre später.

Geisterbahn im Kohlerevier / Ghost train in the coal district

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Geisterbahn im Kohlerevier / Ghost train in the coal district

05.09.2015 Xi Xian / China / N36°35’27.4“ E110°55’08.7“

 

Der Morgen schenkt uns Dampfnudeln. Frisch zubereitet an der Straße. Die in Etagen aufgeschichteten Schalen, im Dampf stehend, sehen aus wie kleine Pagoden. Jede Etage beherbergt acht rund geformte Teigtaschen. Innen finden wir eine undefinierbare Masse. Doch sie schmeckt und das ist die Hauptsache. Pingyao ist das was man vielleicht landläufig als „China“ bezeichnen würde. Rote Laternen, dampfende Töpfe, Motorroller und sogar noch das eine oder andere Fahrrad können wir entdecken. Zeit zum Schlendern, Zeit zum Zeichnen, Zeit zum Auspendeln der eigenen inneren Mitte. Entspannter Vormittag. Blicke, die Ruhe finden. Rückzug in kleine Nischen, Rückzug in Ecken suchend um inne zu halten vor dem erneuten Sturm der Massen, die außerhalb der Oase lauern. China hat in diesen Tagen etwas Unerbittliches, wie ich meine. Rücksicht geht anders. Hier scheint es darum zu gehen selbst voran zu kommen. Auf Schritt und Tritt, auf der Straße im Verkehr. Dort besonders. Anhalten, Vorfahrt gewähren, was für unangebrachte Ideen. Wer stehen bleibt ist selber schuld. Wir quälen uns mit unserm Leo durch das Kohlerevier des chinesischen Nordens. Die Kohle macht nicht Halt vor Wohngebieten. Sie ergießt sich auf den Straßen, färbt die Haut der Leute, deren Broterwerb sie ist. Ein wenig naiv komme ich mir vor, bei meinem großen Staunen über so viel Aufgewühltes. In der Mongolei war der Boden heilig. Er durfte nicht verletzt werden. Hier nun das absoluteste aller Gegenteile. Kein Meter der nicht umgeackert, umgegraben, aufgebrochen, umgewälzt wäre. Doch eineinhalb Milliarden Menschen brauchen viel von allem. An jedem Tag. Immer. Die Geister des Bodens haben es mit Sicherheit schwer, bei dem Tumult Gelassenheit zu wahren. Schwer haben es auch unsere Motorradfahrer. Sie müssen sich durch die quietschenden, ächzenden Lastwagen drängen. Sie sind dem Staub ausgesetzt und der überaus spontanen Fahrweise der Mofas, Autos und Trucks. Bergauf gibt es Ärger. Zwei PKW stoßen zusammen. Der Eine rast davon. Der andere schreit seine Familie aus dem Auto. Die bleibt weinend am Straßenrand zurück. Frau, Oma und drei Kinder. Der Mann nimmt die Verfolgung auf. Etwas Hitziges liegt in der Luft. Das Anstrengende für uns, den Überblick und Ruhe zu bewahren. Überblick, um niemanden zu übersehen, der sich unserem Leo gefährlich nähert. Ruhe, in der Zuversicht, dass sich die Situationen immer wieder lösen werden. Wir sind eingestiegen in die Wagen der Geisterbahn, zwischendurch aussteigen ist nicht drin, Augen schließen wenig hilfreich. Also Augen auf und durch. Im schönsten Licht der sich senkenden Sonne finden wir einen Platz an der Straße für die Nacht. Der Besitzer des kleinen Fleckchens Raum freut sich, uns darauf beherbergen zu können. Treffen wir auf die Menschen selbst ist das Gefühl ein anders als im Trubel der Öffentlichkeit. Dann sind sie überaus interessiert, beobachten still, lächeln milde. Dann geht eine Ruhe von ihnen aus, selbst in großer Gruppe. Wir sind alle erschöpft und doch stolz, dem Weg wieder einhundertfünfzig Kilometer abgerungen zu haben. Wir sitzen am Feuer, spüren dem Fließen des kalten Biers in unseren Kehlen nach und genießen das langsame Entspannen unserer Nackenmuskulatur.

 

Xi Xian / China N36°35’27.4“E110°55’08.7“

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Tanzstunde in China / Dance hour in China

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Tanzstunde in China / Dance hour in China

04.09.2015 Pingyao / China / N37°11’38.4“ E112°10’35.6“

In einer puppenkleinen Gusskanne übergießt er pausenlos irgendwelche Kräuter und nussähnliche Früchte mit kochendem Wasser. Den würzig kräftigen Tee bekommen wir in drei mal zwei Zentimeter großen Schälchen gereicht. Es ist dunkel. Kurz vor Mitternacht. Das Licht der vorbei fahrenden Autos und Rikschas erhellt ab und an unsere kleine Szene. Wir sitzen mit einem chinesischen Paar am Rand eines großen Parkplatzes. Die zwei sind mit ihrem Karavan unterwegs. Quasi als Touristen im eigenen Land. Wir reden miteinander. Mittler unseres Gespräches ist das Smartphone. Der Mann gibt chinesische Sätze ein, die wir dann brockenhaft auf Englisch hören. Daraufhin nicken wir, schütteln den Kopf oder machen eine abwägende Geste. Unterhaltungen zu führen ist in China noch einmal eine ganz andere Nummer. Dem Klang der chinesischen Sprache können wir überhaupt nicht entnehmen worum es gehen könnte. Wir spüren nicht einmal, ob es gerade etwas Fröhliches oder Ernstes ist, was besprochen wird. Dazu kommt, das die Gestensprache sich mitunter von unseren Gewohnheiten zu unterscheiden scheint. So dass auch dieses Mittel weitestgehend ausfällt. Nun, wenn das Telefon gerade nichts sagt, dann sitzen wir auch mal still nebeneinander, trinken den leckeren Tee und lächeln uns einfach an. Unser Parkplatz ist in der Stadt Pingyao. Sie ist eine der Besterhaltensten im ganzen Land. Ihre sechs Kilometer lange, noch vollständige Stadtmauer stammt aus dem Jahr 1370. Wir bekommen ein Gefühl des alten Chinas. Wir sehen Menschen schwatzend vor ihren Häusern sitzen, Handwerker die Zucker kneten oder Kämme sägen, Frauen, die eigenwillig aussehende Dinge auf offenem Feuer vor sich hin köcheln lassen. Sie tun das vor den gräulichen Holz-Fassaden der wundervoll verzierten Häuser, Türme, Hinterhöfe und Gassen. Es ist wie eine Zeitreise die wir beim Laufen durch die Gassen erleben. Der Stadt mit ihren 30.000 Einwohnern, ist es gelungen, das Alte alt sein zu lassen, ohne dass es vollends kaputt ging und ohne es so sehr zu Erneuern dass es seinen Charme verloren hätte. Details über Details. Ich kann mich nicht satt sehen und bin doch komplett gesättigt. Denn das Essen schmeckt köstlich. An jeder Ecke gibt es etwas auszuprobieren. Manches davon verspeisen wir nur mit den Augen, an anderes wagen wir uns kostend heran. Wir haben gelernt was es heißt mit den Fingern „zwei Stück“ zu bestellen. Machten wir es auf unsere in Deutschland übliche Art mit Zeigefinger und Daumen, bekamen wir immer acht Stück von dem was wir eigentlich nur mal probieren wollten. Zeigefinger und Mittelfinger muss man nach oben halten, dann haut das hin mit der Bestellung von zwei Köstlichkeiten. Die Stadt ist für uns die Rahmung, die Menschen sind die Akteure. Wie sie da in Paaren tanzend über den Platz schweben ist eine Herzensfreude. Ein Aufpasser ist auch dabei. Doch das scheint der Leichtigkeit keinen Abbruch zu tun. Aus einem Lautsprecher heraus singt die chinesische Stimme und alle wissen was zu tun ist. Am heller lichten Tag, Freitagnachmittag in China. Tanzstunde.       

Pingyao / China N37°11’38.4“E112°10’35.6“

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Wechselbad / Hot and cold baths

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Wechselbad / Hot and cold baths

03.09.2015 Ying Xian / China / N39°33’37.9“ E113°11’00.3“

Zwei Stunden für nichts durch die Stadt gefahren, Läden abgeklappert, Wartenummern gezogen, Abweisungen eingehandelt, Straßengeschäft, mit lauten Worten endend. Nein, es scheint unmöglich zu sein in China als Ausländer eine Telefonkarte mit ein paar kleinen Gigabits fürs Internet zu erwerben. „Datong ist NUR eine zwei Millionen Stadt, da findet ihr so etwas nicht. Ausländer sind hier nur ganz selten. Da müsst ihr in eine größere Stadt fahren.“ Sagt uns Andis Bekannte, nachdem sie uns vergeblich versucht hat zu helfen. Andi ist unser Guide. Es ist nicht sein wirklicher Name. Den hat er sich vor ein paar Jahren selbst gegeben um, zum Beispiel von uns, einfacher angesprochen zu werden. Sein eigentlicher Name hat drei Bestandteile und Bedeutungen. Sie stehen für das Königliche, das Wissen und Erfolgreiche. Nur mit dem Aussprechen und Merken ist es echt so ne Sache. Also bleiben wir bei „Andi“. Er müht sich, uns zu erklären, dass Facebook, Google, Skype und Co in seinem Land nicht zugänglich sind, dass jeder Chinese mit seiner persönlichen ID genau EINEN Telefonvertrag abschließen kann und EINEN Internetzugang erhält. „4G“ Werbungen in allen Schillerfarben flackern um uns herum. Doch wir sind Ausländer. Das ist ganz was anderes. Wir sollen offensichtlich gar nicht erst ins Internet gehen. Wer weiß was wir damit auch machen würden? Na, ich wäre ja einfach schon mal froh, meine Geburtstagspost lesen zu können. Es macht mich traurig, da nicht ran zu kommen. Wie dem auch sei. Wir brechen das Unterfangen ab und verlassen die Stadt. Sie macht uns müde, sie strengt uns an. Alles ist hier dicht. Mensch an Mensch, Laden an Laden, Hütte an Hütte, Riesenhochhaus an Riesenhochhaus. Verkehr, der auch „verkehrt“ heißen könnte. So oft wie uns auf unserer Spur Autos und Motorräder entgegen kommen. Das ist nicht EIN Falschfahrer, das sind Massen. Uns bleibt beim Verlassen das Gefühl einer Mega-City im Nacken hängen gepaart mit der ernst gemeinten Formulierung „kleine Stadt“. Ich bin am Staunen die ganze Zeit. Am Schauen und Zuschauen. Es ist immerzu, als stünde ich mit einem Bein in kochend heißem Wasser und mit dem anderen stoße ich an Eisbröckchen. Heiß-kalt, laut-leise, neu- alt, schnell-langsam, sauber-dreckig, freundlich-schroff, duftend-stinkend, weit-eng. Kein Gegensatzpaar welches es hier nicht geben würde.

Ying Xian / China N39°33’37.9“E113°11’00.3“

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Es fasziniert mich. Zieht meine Blicke an. Wie ein Kind fühle ich mich, welches versucht die Welt zu verstehen. Diese hier ist speziell. Das Entwicklungstempo, die Schnelligkeit der Modernität stößt scheinbar an allen Ecken und Enden mit den Menschen zusammen, die sich bei diesem Tempo irgendwo ne Stange suchen zum Festhalten. „Was, vor 17 Jahren ward ihr das letzte Mal hier?“ fragt Andi stirnrunzelnd. „Dann kennt ihr China nicht mehr. Seit dem ist ALLES anders.“ Damit hat er wohl Recht. Zur Erholung, um uns bei uns selbst wieder einzufangen, besuchen wir die Yungang Grotten. Es ist ein großer Berg voll mit Höhlen aus dem 5. Jahrhundert. 51.000 Statuen stehen in den 252 Grotten, sind aus den Steinen herausgearbeitet, sind aufmalt, geschabt, aus dem Ganzen gehauen. Wir durchwandeln, denn anders kann ich es nicht nennen, diesen Ort des frühen Buddhistischen Glaubens. Die Sanftmut der Blicke und Gesten auf den Gesichtern der Buddha Statuen tun uns gut. Wir sind ergriffen von der Fülle, der Größe und vor allem der Ausstrahlung des Ortes. Wir sitzen und stehen und gehen, fühlen uns ob der Größe der Statuen beeindruckt doch nicht gedemütigt. Irgendetwas ist, obwohl wir von Mengen an Menschen umgeben sind, anders geht es in China auch gar nicht, was uns versöhnlich stimmt. Wir verlassen nach Stunden den Ort in einer vollkommenen inneren Ruhe. Die Gesten der Hände der Statuen haben sich tief in mir eingebrannt. Der zuversichtliche Zug um die Münder ebenso. Diese Bilder vor mir her tragend wagen wir uns erneut in das wirre Treiben der chinesischen Realität des Jetzt. Es ist nicht leicht, vier Motorräder, einen VW Bus und einen Truck durch die Enge, die Gedrängtheit, die Schnelligkeit des chinesischen Verkehrs zu manövrieren. Wir geben alle miteinander unser Bestes und meistern die kniffligen Momente, die quasi Meter für Meter vor uns angerollt kommen. Kleine Dörfer passieren wir, in ihrer Verschlafenheit Orte des Rückzugs. Landschaften durchfahren wir, mal bergig schroff, mal wiesengrün und sanft. Ein Genuss für alles in uns, was sich nach dem Gegenpol zu dem sehnt, was die Städte uns bieten. Mit der späten Sonne des Nachmittags erreichen wir das „Hängende Kloster“. An einer großen Steilwand ist es erbaut. Durch lange Holzstangen, die als Stützpfeiler dienen, im Stein verankert. Ich stehe davor und kann nicht glauben was ich sehe. Wie ist es möglich, dass die Gebäude am Berg haften? Was sagt die simple Statik dazu? Denn allein der Glaube kann es nicht sein, der ein Halten möglich macht. In diesem Augenblick des Sehens wird mir bewusst, wie alt, wie erfahren, wie weitreichend die chinesische Kultur, ihre Tradition und ihr technisches Vermögen reicht. Auch die Phantasie erzählt ihre lange eigene Geschichte. Denn ohne sie würden wir heute nicht vor diesem Wunderwerk der Architektur stehen. Hätte es nicht damals Menschen gegeben, die Träumer genug gewesen wären, ihr Kloster an dieser Steilwand zu erbauen. China, Du bist ein wechselwarmer Aufguss für mich. Ich bin ergriffen von dir, du beginnst einen Eindruck in mir zu hinterlassen. Mit jedem Erleben wird er ein klein wenig tiefer. Und dann wieder strengst du mich an mit deinem Tempo, mit deiner Unerbittlichkeit und mit deinem Hang zur Kontrolle. Doch lass dir eines gesagt sein. Vollkommene Kontrolle gibt es nicht. Also lass ein wenig locker. Du weißt es besser. Bist du in deinem Land doch vom Buddhismus durchwoben.

Kindergeburtstag im Irrgarten / Birthday party in a crazy garden

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Kindergeburtstag im Irrgarten / Birthday party in a crazy garden

02.09.2015 Datong / China / N40°06’00.8“ E113°09’26.5“

Manchmal ist das Gefühl zu Erwachen und dabei zu denken: „Hey, ich habe heute Geburtstag!“ ein ganz eigenwilliges. Es unterscheidet sich in allem von dem wie ich es zu Hause empfinde. Alles ist offen, alles ist unklar. Und eigentlich ist es ein ganz normaler Tag. Wenn es auf unserer Reise überhaupt „normale Tage“ gibt. Normal im Sinne von „der Geburtstag ist nicht das Wichtigste heute“. Wir weben ihn einfach ein in die Abenteuer des Tages. So wird es ein besonderer Tag in jedem Fall, ein unvergesslicher obendrein. Liebevolle Kleinigkeiten von Sten und unseren sechs wirklich überaus passenden Begleitern machen mir den Morgen licht und leicht. Es ist für mich ein wirklich tolles Geschenk, dass wir auf gute Leute getroffen sind. Nach acht Monaten des alleine Reisens hätte das auch „ins Auge“ gehen können. Doch die Gelassenheit, der Humor und die Art ans Leben heran zu gehen passt bei uns allen gut zusammen. Nach einem ersten kleinen Wodka zum Anstoßen, setzen wir uns in Bewegung. Vierhundertachtzig Kilometer liegen vor uns. Wir sind gespannt. Schleppend geht es voran. Erste Polizeikontrolle am Ausgang der Stadt. Mehrere weitere werden heute folgen. Schön ist, dass ich heute sehr oft fotografiert werde. Leider bekomme ich die Bilder nicht zu Gesicht und leider ist es wieder einmal nur zur Kontrolle. Offensichtlich ist das Überwachungssystem eng gewebt und die Wege eines jeden Fahrzeugs sind genauestens nachvollziehbar. Natürlich geht es dabei lediglich um „Speed control“... Worum sonst? Das Land ist voll, das Land ist dicht. Meine Augen sind dabei sich an das neue Bild zu gewöhnen. Überall dort, wo vor ein paar Tagen die Hügel sanft von der Sonne beschienen ihrer Tage frönten, wo die Ebenen sich entspannt ausbreiten konnten, sind nun Häuser, Fabriken, Schornsteine, Hütten, Dreck und was weiß ich zu sehen. Schon eigenartig, was wir Menschen mit dem machen, was die Natur uns an Schönheit anbietet. Wir setzen uns einfach darüber hinweg und „verhässlichen“ erst einmal alles, um es danach irgendwie wieder gut machen zu wollen. Ich bin unruhig, ich fühle mich wenig entspannt bei all dem Durcheinander. Wie in einem Irrgarten geht es zu. Alle sind in Bewegung nur keiner weiß wohin. Wir zu aller Letzt.

Datong / China N40°06’00.8“E113°09’26.5“

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Denn immer wieder ist heute „Schluss“ für uns. Ende der Weiterfahrt. Schwarz-Gelb gestrichene dicke Metallrohre, in 2,5 Metern Höhe quer über den Straßen aufgehängt, sind der Grund dafür. Manchmal wissen wir einfach nicht mehr, welchen Weg wir noch ausprobieren könnten, wo wir noch nicht lang gefahren sind. Und das nicht in kleinen beschaulichen Örtchen, sondern in Städten, deren Größe auf der Karte maximal mit einem Punkt versehen ist, in der Realität aber immer gleich an einer Million an Einwohnern kratzt. Für unsere Gruppe heißt das immer wieder umkehren und nach einem neuen Weg Ausschau halten. Kein Spaß, wenn man Vierhundertfünfzig Kilometer zu bewältigen hat und doch den Eindruck gewinnt, nicht vom Fleck zu kommen. Unsere vier Motorradfahrer tun uns leid, dass sie immer wieder gemeinsam mit uns Kehrt machen müssen. Die kleineren Straßen sind für uns oft ein Problem, der High way schließt sich aber auch aus, da hier nun wiederum die Motorräder nicht fahren dürfen. Was für ein Spaß! Dabei ist der, ob seines wirklich hohen Preises, vollkommen leer. Niemand scheint dort überhaupt zu fahren. Nach genügend Hin und Her ist der Tank der Motorräder leer und es geht ans Tanken. Doch das geht nicht einfach so wie man landläufig denkt. So mit an die Tankstelle heran fahren, Tanksäule auswählen und Tanken. Motorräder dürfen nicht auf das Gelände einer Tankstelle fahren. Es ist zu gefährlich. Deshalb gibt es ein Gebot, was da heißt, Motorräder außerhalb der Tankstelle abstellen, mit einem Kanister zur Tanksäule laufen, diesen betanken. Zurück zum Motorrad gehen, den Kanisterinhalt in den Tank füllen und diesen Vorgang einfach so oft wiederholen, bis der Tank sich füllt. China, ich verstehe, dass es eine unglaubliche Herausforderung ist, ein Land mit so unfassbar vielen Menschen irgendwie am Laufen zu halten und in Bahnen zu lenken. Doch kann es sein, dass du bei deinen Bemühungen etwas übertreibst? Morgens nach Acht Uhr gestartet ist es nun wiederum nach Acht Uhr am Abend und bereits dunkel. Am Ziel sind wir noch nicht. Einen Schlafplatz haben wir bisher nicht gefunden. Irgendwann ist es genug. Wir halten und stehen mitten auf einem großen Platz, umringt von Unmengen an Chinesen. In der Mongolei war es einer, der pro Abend vorbei schaute. Hier nähert sich die Zahl schnell der Einhundert. Wir nehmen es gelassen und ich sehe sie alle als meine Geburtstagsgäste an. Dazu gibt es spontan ein Feuerwerk von irgendwoher. An anderer Stelle fangen Frauen auf dem Platz an zu tanzen. Ist das alles wirklich real was sich hier vor meinen Augen abspielt? Ich bin mir alles andere als sicher. Dort ein „Rückwärtsläufer“, da jemand der laute Rufe von sich gibt. Lichter Geflacker, Lautsprecherdurchsagen. Was ist hier los? Endgültig kann ich mir diese Frage heute nicht beantworten. Wir finden einen Seitenweg vom Seitenweg in dem wir für die Nacht parken. Ich koche Nudeln für uns alle. Geburtstagsessen. Wodka-Cola dazu, Kerzen an, Musik auch. Der Abend ist schön. Geburtstagsstimmung kommt auf in mir. Wenn auch im Irrgarten.

Kontrolle / Control

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Kontrolle / Control

01.09.2015 Erenhot / China / N43°39’11.9“ E111°58’50.3“

„Das Gemüse kann nicht eingeführt werden. Und die Äpfel ebenso wenig. Alle Messer aus dem Besteckkasten müssen hier bleiben und ihr Fahrzeug bekommt keinen chinesischen TÜV. Es ist nicht fahrtauglich.“ Sätze, die andere Leute an der Grenze zu hören bekamen. Doch wir bleiben davon verschont. Wir haben gnädige Grenzer, die nicht so genau hinschauen. So dürfen unsere Zwiebeln mit uns nach China einreisen. Und unsere Wurst können wir auch in Zukunft schneiden. Die erste Etappe nehmen wir quasi geräuschlos und ohne erhöhten Puls. Der ist auch sonst heute mehr als ruhig. Denn alles was heute gefragt ist, ist Geduld. Im hektisch schnellen China hat heute die Zeitlupe das Sagen. Unsere Prüfung ist es, zu warten. Warten auf einen Mann von der Bahn. Da eines der Motorräder aus unserer Gruppe im Zug transportiert werden muss. L. hatte in der Mongolei einen Sturz und kuriert ihre gebrochenen Rippen aus. Selbst fahren ist da nicht die beste Therapie. Nach Stunden die Antwort. „Das Motorrad ist zu schwer. Es kann nicht mit dem Zug transportiert werden.“ Was nun? Wir breiten erst einmal unsere Decken auf dem Bahnhofsvorplatz aus und gehen in eine kleine Sitzblockade. Ein Anblick, der die Chinesen reihenweise irritiert. Wie um kostbare Museumsstücke laufen sie um uns herum. Hände auf dem Rücken verschränkt, Schultern etwas nach vorn gekippt, der Kopf leicht geneigt. Und schauen. Und schauen. Wir bestehen auch diese Prüfung und freuen uns am Nachmittag über die Nachricht, dass ein Truck gefunden wurde, auf dem das Motorrad transportiert werden kann. Hey, ne Lösung ist gefunden für eine der Prüfungsaufgaben. Doch die nächste folgt sogleich. Wir brauchen für unsere Fahrzeuge neue Nummernschilder und für uns Fahrer eignen chinesische Führerscheine. Die Frage nach dem „Warum“ erübrigt sich. Wir sind in China, da ist das so. „Werden uns Fragen gestellt? Müssen wir irgendwo lang fahren zum Test? Was wollen die sehen, was wissen?“ Wir haben keine Ahnung und warten weiter ab. Geschichten gibt es viele, die über die Führerschein- und TÜV-Prozedur an der chinesischen Grenze erzählt werden. Wild sind sie und kompliziert. Unsere ist kurz, knapp und mit Happy End. Wir fahren mit Leo, dem niederländischen VW Bus und den vier Motorrädern quer durch die Stadt.

Erenhot / China N43°39’11.9“E111°58’50.3“

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Ohne gültige Führerscheine wohlgemerkt. Dass das die Chinesen überhaupt zulassen, wundert mich doch sehr... Vertraut man da etwa auf die Fahrkünste der Leute, die über 25.000 Kilometer bis hierher gekommen sind? Kaum zu glauben. Wir kommen zum Halten vor einem offiziell aussehenden Gebäude und machen das, was wir schon den ganzen Tag lang tun, warten. Als Lohn erscheint im hellen Lichte eine Dame in Uniform und High Heels auf der Treppe des Gebäudes. In den Händen hält sie Tafeln mit Nummern darauf. „Oh, sie sieht streng aus. Was wir wohl tun müssen, um an die Nummern in ihren Händen heran zu kommen?“ schießt es durch meinen Kopf. Nicht viel. Nur die Fahrzeugnummern zum Vergleich zeigen und schon weht die rote Fahne der bestandenen Führerscheinprüfung und des gültigen TÜVs über uns. Jedes Fahrzeug erhält sein, in Folie eingeschweißtes, Nummernschild und als Sahnehäubchen gibt es den Führerschein gleich mit dazu. Keine Fragen, keine Tests. Kein gar nichts. Am Ende geht es hier wahrscheinlich um nichts anderes als die Registrierung im chinesischen System. Wir, die gläsernen Ausländer. Nicht das wir uns unbemerkt unter die 1,3 Milliarden Chinesen schmuggeln und verschwinden. Sind ja schon so Viele hier. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Den Satz kennen sie hier gut. Nur lassen sie den ersten Teilsatz in ihrem Denken gleich vollkommen weg. Kontrolle ist alles. Den Angstschweiß von der bestanden Prüfung können wir uns beruhigt von den Händen streichen. Genießen wir zur Belohnung ein leckeres chinesisches Bier und kosten uns weiter durch die kulinarischen Köstlichkeiten des Landes. Das mit dem Kochen, das können die Chinesen wirklich gut. Das mit der Kontrolle auch. Doch darauf stehe ich nicht ganz so sehr.

Zeichensprache / Sign language

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Zeichensprache / Sign language

31.08.2015 Erenhot / China / N43°42’39.2“ E111°54’58.1“

 

Das ist ja alles völlig bunt hier! Und die Gerüche. Ganz anders. Nach Gewürzen und so. Wo sind wir? Was ist hier los? Eine 200.000 Einwohner Stadt, doch kaum Menschen auf der Straße. Und wenn, dann gleiten sie tonlos an uns vorbei. Im Sitzen. Auf ihren kleinen Rollern und Gefährten die aussehen als sind sie alle zum Spielen gebaut. Elektrobetriebe. Kein Geknatter, kein Auspuffgestank, kein lautes Gehupe. Aus still wird leise. Mongolische Landschaft wechselt zu chinesischer Urbanität. Vom Lärm der Schlepperautos wurde ich heute Morgen um 4 Uhr an der mongolischen Grenze geweckt. Ich verstehe inzwischen, was diese hunderte an verbeulten Autos machen, die da in einer langen Schlange stehen. Ihr Job und der ihrer Fahrer ist es, irgendwelche Waren aus China in die Mongolei herüber zu holen. Täglich tun sie das, wie das Pendel einer Uhr. Nur nicht so ruhig und gleichmäßig. Da geht es schon mal zur Sache. Plötzlich hat ein Grenzbeamter einen der Fahrer in der Mangel. Ein Kampf vor unseren Augen. Das ist kein Spaß hier. Da geht es ums Ganze. Die Grenzer scheinen sich zu freuen, dass auch mal andere Leute hier lang kommen, als die Profis der heißen Ware. So nimmt sich einer unserer an und führt unsere kleine Gruppe galant durch alle Abfertigungspunkte. Schwupp diwupp und wir sind ein zweites Mal aus der Mongolei ausgereist. Diesmal scheint es nun etwas Endgültiges zu haben. Also. Tschüss Mongolei. Tschüss ihr lieben Menschen, die wir treffen und kennen lernen durften. Ihr reist in unseren Herzen mit uns. So viel steht mal fest! Erneut das große Eisentor nach China. Heute ist es geöffnet. Doch das heißt gar nichts für uns. Ohne Guide kein Weiterkommen. Wir warten auf Endi. Er ist unser chinesischer Begleiter für die nächsten Wochen durch sein Land. Bewegung in unserer Gruppe, Endi ist da. Das bedeutet, wir dürfen unsere Füße nun auf chinesischen Boden setzen. Zweiter Schritt in eine große helle, mit glänzendem Marmor ausgelegte Halle. Wann hab ich so etwas zum letzten Mal gesehen? Gefühlt ist es lange her, nach all den kleinen runzeligen Grenzhüttchen der letzten Monate. Die Menschen stehen geordnet in einer geraden Schlange. Kein Abweichen, kein Lärm, kein Pulk, kein Gedränge und Geschiebe. Der Einreisestempel setzt sich schnell und einfach in unsere Pässe. Länger dauert es mit unseren Fahrzeugen. Wie ein Sandmann sieht Sten aus, als er versucht unter der völlig, von Gobi Sand verdreckten Plane, die Motornummer an unserem Motorrad zu finden. Keine Chance. Keine Ahnung wo die sich versteckt hat. Das Mitleid scheint sich in den Beamten zu regen und sie geben sich mit den Nummern zufrieden, die im Fahrzeugbrief stehen. Es ist Mittag zwölf Uhr. Das heißt: „Schluss für heute.“ Warum, das kann uns keiner sagen. Doch heute dreht sich für uns hier kein Rad mehr. Morgen geht es weiter.

Erenhot / China N43°42’39.2E111°54’58.1“

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Vielleicht kurbeln die Chinesen auf diese Weise den Tourismus an. Indem sie alle Einreisenden dazu bewegen, eine Nacht lang im Hotel von „Erenhot“, der chinesischen Grenzstadt zu verbringen. Also Leo, dann bis morgen. Wir gönnen uns ne warme Dusche und schauen mal, was die chinesische Küche sagt. Unser kleiner Trupp an acht Leuten versucht ein Taxi zu ordern. Das Taxi zu finden ist kein Problem. Es ist eher eine Frage des Preises. Da gibt es leichte Schwankungen. Wir haben die Wahl der gleichen Summe. Einmal nur für eine Person, beim nächsten Taxi für das ganze Fahrzeug mit vier Leuten. Nehmen wir doch lieber diese Variante. Rechnet sich besser. Nach dem Aussteigen kleines Missverständnis. Wir wollen Geld abheben, bei der „Bank of China“ und gehen davon aus, dass unser Taxi so lange wartet. Macht es aber nicht. Es fährt einfach weiter. Dumm nur, dass unser Gepäck im Kofferraum mit ihm fährt. Jetzt ist Endis Spontanität gefragt. Er springt ins nächste Taxi und versucht das andere einzuholen... Es dauert, doch tatsächlich kommt er mit dem Lächeln des Erfolgreichen zurück. Unser Gepäck hat er auch dabei! Ich bin verzückt wie ein kleines Kind und kann mich nicht satt sehen an den lustig geschwungenen Schriftzeichen, die ich auf fast jedem Quadratmeter sehe. Leuchtreklamen, Werbewände, Schaufenster Beklebungen, Zeitungen, Papierschnipsel vor mir auf der Straße. Überall, überall die Zeichen, Mal blinkend mal vibrierend, mal selbstleuchtend und mal angestrahlt. Ein Erinnern kommt zurück. Na klar, wir waren ja schon in China. Es war wie verschüttet, der Gedanke daran. Doch heute, mit den ersten Gerüchen kehrt die Erinnerung tröpfchenweise in uns zurück. China sendet uns seine Zeichen. Zeichensprache.        

 

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