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Abends ist nichts zu sehen / You can see nothing in the evening

21.09.2015 Deqen / China / N27°15’16.9“ E100°09’26.9“

Andi hält sich den Bauch vor Lachen. Und wir wollen seine Freude teilen. Er hat sich den Spaß erlaubt und beim Frühstück auf „Beidu“, dem chinesischen Google, „Jena“ eingegeben. Er wollte wissen, aus was für einer Stadt wir kommen. „Hey, nun lies vor, was steht da so Lustiges?“ drängen wir ihn. „Also“, fängt er an. „Jena liegt an dem Fluss Saale im Zentrum von Deutschland. Die Stadt hat 10.000 Einwohner und befindet sich in Thüringen. Sie ist für die optische Industrie bekannt. Es gibt das Carl Zeiss Werk und die Schott Glasfabrik. Auch die Universität ist sehr bekannt. Man kann hier gut studieren.“ „Aber“, so fährt er fort. „ Jena liegt im Osten Deutschlands und hat eine schlecht entwickelte Wirtschaft. Am Abend ist in Jena nichts zu sehen.“ Nun lachen auch wir beide. Und doch würde ich gern den einen oder anderen Chinesen in unsere 100.000 Einwohner zählende Stadt einladen, um ihn ein wenig umherzuführen, durch die, aus meiner Sicht, doch ganz gut entwickelte Wirtschaft. Mein lokalpatriotisches Herz schlägt hoch, auch wenn ich verstehe, dass aus chinesischer Sicht die Zahlen 10.000 und 100.000 absolut keinen Unterschied machen. Geht doch hier alles, was als Stadt überhaupt mitreden kann, erst bei 8 Millionen Einwohnern los. Und das man die Wirtschaft anderer herunter spielt ist aus Propagandasicht auch nachvollziehbar… In jedem Fall finde ich es hochinteressant, was in der Ferne so berichtet wird und welches Bild sich zeichnet. Überhaupt ist hier alles extrem weit weg, was die Berichterstattung über Europa betrifft. Es geht um China, um China und um China, wenn einmal in einem Restaurant ein Fernseher läuft. Eine Welt drum herum habe ich in den Beiträgen noch nicht wirklich entdecken können. Nach unserem kleinen außenpolitischen Ausflug zum Frühstück mit Andi machen wir uns auf. Zum Wasserfall wollen wir und auf diese Weise unseren Beiden entgegen gehen, die sich gestern auf den Weg machten. Bergauf laufen wir, über Felsen und Steine, den Hängen entlang. Zum Glück sehe ich am Anfang noch nicht, wie hoch wir zweieinhalb Stunden später sind. Es wäre meiner Motivation sicher nicht gut bekommen und hätte wohl eher der Mutlosigkeit Platz gemacht. Doch Schritt für Schritt, Stein für Stein, Kurve für Kurve läuft es sich gut für mich bergan. Manchmal ist es eben doch hilfreich, einfach vor sich hin zu laufen, ohne das große Ziel vor Augen zu haben. Manchmal ist wirklich der Weg das Ziel. Davon bin ich mehr und mehr überzeugt. Zu viel Zielbewusstsein und damit Fokussierung meines Blicks macht mich doch blind für die Möglichkeiten rechts und links des Weges…
Auf alle Fälle stehen wir plötzlich vor dem Wasserfall in windiger Höhe und genießen das Puckern in unseren Beinen. Als unser Puls wieder seine Normalschlagzahl erreicht, stehen sie wie aus heiterem Himmel vor uns. Jamie und Guido sind es, die wir mit großem „Hallo“ begrüßen. Abgestiegen ist dann schnell, merken wir, als wir die Stellen passieren, für die wir beim Aufstieg echt Zeit gebraucht haben. In der späten Nachmittagssonne kommen wir zum Leo zurück, legen die Beine hoch und lassen uns die kühlen Biere schmecken. Bis es dann Abend wird und auch hier nichts mehr zu sehen ist.
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Kommentare

  • Da ist der gute Andi wohl in die (chinesische) Zahlenfalle getappt 🙁

    Im Chinesischen gibt kein eigenes Schriftzeichen für „Hunderttausend“, wohl aber für „Zehntausend“. Nämlich 万. 100.000 ist folglich Zehn (十) mal 万, also 十万. Und genau so ist die Einwohnerzahl Jenas in dem Screenshot, der übrigens aus Wikipedia stammt, wiedergegeben. Vollkommen korrekt.

    Weder im chinesischsprachigen Eintrag der Wikipedia über Jena noch in Baidu Baike (dem chinesischen Pendant zu Wikipedia) wird erwähnt, dass Jena „eine schlecht entwickelte Wirtschaft“ hat oder gar „am Abend nichts zu sehen“ ist. Das hat Andi vielleicht irgendwo in den chinesischen sozialen Netzwerken gelesen (das chinesische Internet ist überwiegend viel anarchistischer als z.B. das deutsche), aber mit irgendwelcher Propaganda hat das rein gar nichts zu tun.

    Denkt mal darüber nach!

    Und weiterhin 一路平安 🙂


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